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Leben in der Ostukraine : Der unsichtbare Krieg

  • -Aktualisiert am

Irgendwann versuchten sie, eine Schlägerei zu provozieren

Nachdem ich infolge dieser Auseinandersetzung einige Zeit in einem Warschauer Krankenhaus verbracht hatte, kehrte ich vor zwei Wochen nach Charkiw zurück. Meine Freunde hatten mir erzählt, in der Stadt sei alles ruhig, nur an den Wochenenden gebe es Demonstrationen, dann sei die Stimmung wieder aufgeheizt. Sie sagten, dass prorussische Aktivisten sich ziemlich aggressiv aufführten und dass ich am besten daran täte, den Wochenendsdemonstrationen fernzubleiben. Die Lage im Osten war in der Zwischenzeit noch angespannter geworden - die Separatisten hatten Gebäude in Donezk und Luhansk besetzt. Doch Charkiw wirkte auf mich recht friedlich. Offiziersanwärter standen am Gebäude der Gebietsverwaltung Wache, dessen Fenster zum Teil mit Sperrholz zugenagelt waren - eine Folge der Erstürmung am 1. März. Die Männer standen unter Tannen, manchmal liefen sie zum Laden gegenüber, um Zigaretten zu kaufen. Es erinnerte irgendwie an ein Pfadfinderlager. Warme Tage, das gemächliche Leben einer Millionenstadt, alles friedlich und ruhig. Allein die Tatsache, dass nur fünfzig Kilometer von hier an der Grenze russische Truppen standen, verlieh dem Ganzen ein mulmiges Gefühl, als wäre all die Ruhe trügerisch, als befände man sich in einem Film.

Am Tag nach meiner Rückkehr, es war ein Sonntag, nahm ich eine bekannte Moskauer Journalistin mit zur „proukrainischen“ Demonstration, die, wie üblich, vor dem Schewtschenko-Denkmal stattfand. Parallel dazu versammelten sich am Lenin-Denkmal Menschen mit roten Fahnen und Sankt-Georgs-Bändern. Eigentlich hatte sich nichts geändert - dieselbe Gegenüberstellung, dieselben Polizeiketten, dieselben Slogans, dieselbe Rhetorik. Es waren auch dieselben Menschen, darunter viele Bekannte, viele Freunde. Irgendwann kam eine Gruppe mit russischen Fahnen vom Lenin-Denkmal herüber. Sie versuchte, eine Schlägerei zu provozieren, doch die Polizei konnte alle rechtzeitig auseinandertreiben. Dann bildeten die „Föderalisten“ eine Kolonne, die sich in Richtung des russischen Konsulats in Bewegung setzte. Das war’s, dachte ich, heute passiert nichts Interessantes. Ich verabschiedete mich von meinen Freunden, ließ meine Bekannte Fotos für ihre Reportage schießen und ging nach Hause.

Ich weiß, wie barbarisch das klingt

Etwa zwei Stunden später erhielt ich die ersten Anrufe. Freunde berichteten von einer Massenschlägerei. Die „Föderalisten“ seien zum Schewtschenko-Denkmal zurückgekehrt und hätten die Majdan-Aktivisten angegriffen, die eben dabei waren, nach der Demo die Lautsprecherboxen abzubauen. Sie hätten sie verprügelt, und die Polizei habe schließlich einen Korridor gebildet, durch den die Aktivisten zu einem Wagen kriechen mussten, der sie von dort weg in Sicherheit brachte.

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