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Serbien auf EU-Kurs? : Im Wettstreit nationaler Gefühle

Der Sieger: Aleksandar Vucic hat die Wahl gewonnen. Doch geht es jetzt wirklich Richtung Europa? Bild: AFP

Die Neuwahlen in Serbien haben Premier Aleksandar Vučić gestärkt. Aber dessen EU-Kurs täuscht nicht darüber hinweg, wie sehr das Land mit sich und mit Europa hadert. Ein Besuch in Belgrad.

          Wenn jemand im zerstrittenen Ex-Jugoslawien Versöhnung stiften kann, so scheint es jedenfalls nicht das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu sein, das sich unter anderem auch dieses Ziel gesetzt hat. Das führt nach den zwei jüngsten Urteilssprüchen ein Besuch der serbischen Hauptstadt vor Augen, die das intellektuelle und kulturelle Zentrum auf dem Balkan bleibt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kürzlich verhängte das internationale Gericht über den bosnischen Serbenführer Radovan Karadžić, der im Jugoslawien-Krieg Massenmorde und ethnische Säuberungen angeordnet hatte, vierzig Jahre Gefängnishaft. Der nationalistische serbische Hassprediger und Führer der Serbischen Radikalen Partei, Vojislav Śešelj, hingegen musste freigesprochen werden, weil er sich „nur“ als Demagoge betätigt und keine Befehlsgewalt ausgeübt hatte.

          Ein vernichtendes Zeugnis

          Leider werden auch im heutigen Serbien, dessen am Wochenende wiedergewählter Ministerpräsident Aleksandar Vučić sich zum EU-Kurs bekennt, diese Urteile vor allem politisch wahrgenommen, als Bestrafung beziehungsweise, im Fall des Freispruchs, als „Sieg“ der serbischen Nation, erklärt ein leidgeprüfter Kriegsreporter, der mit allen Bürgerkriegsparteien zu tun gehabt hat. Wir treffen den Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will, im geisteswissenschaftlichen Verlag Clio. Der Verlagschef Žoran Hamović sieht es ähnlich. Das internationale Gericht habe allein der serbischen Führungsspitze den Prozess gemacht, bedauert Hamović, aber keiner der kroatischen, bosnischen, kosovo-albanischen Schlüsselfiguren des Bürgerkriegs.

          Zudem sei die Auslieferung der kriminellen Politiker oft übereilt gewesen, ergänzt der Reporter. Denn Karadzić habe, wie auch der frühere serbische Präsident Milošević, sein Volk im großen Stil bestohlen. Deswegen hätte Karadžić, wie jener, zuerst im eigenen Land verurteilt werden müssen - dann hätte er nicht zum Symbol der gedemütigten serbischen Nation werden können. Der Freispruch von Śešelj habe unglücklicherweise dessen Radikaler Partei Auftrieb gegeben und stelle, nach dreizehn Prozessjahren, der Kompetenz des Haager Gerichts ein vernichtendes Zeugnis aus.

          Schmelztiegel Balkan

          Dabei wäre irgendeine Form von Verurteilung kriegstreiberischer Publizisten - auf allen Seiten - ein wichtiges Signal gewesen, glaubt auch der Geschichtsdidaktiker Nenad Śebek. Der Regionale Kooperationsrat der Balkanländer, dem Śebek angehört, versucht, durch neue Schulunterrichtsmethoden und Fernseh-Talkshows die Dialogfähigkeit der Gesellschaft zu fördern. Zu großen Hoffnungen berechtigen die „Alternativen Lehrmittel“ für Geschichtslehrer, Aufgabensammlungen zu Schwerpunktthemen wie dem Osmanischen Reich, Völkern und Staaten in Südosteuropa oder den Balkan-Kriegen.

          Die mit Unterstützung des National Endowment for Democracy, der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit und dem German Marshall Fund produzierten Bände sammeln zu einem Thema, beispielsweise der Knabenlese oder dem Richteramt des Kadi unter dem türkischen Sultan, stets unterschiedliche, islamische, christliche, aber auch ausländische Zeugnisse, die etwa die demographische Ausblutung nichtmuslimischer Bevölkerungsteile, aber auch die Aufstiegschancen der entwurzelten Janitscharen oder den Rechtsstatus religiöser Gruppen oder Frauen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.

          Ein Lichtpunkt

          Die Atmosphäre in ethnisch gemischten Schulklassen sei extrem angespannt, erklärt Śebek, der zwischen dem prekären Sarajevo und dem im Vergleich dazu bürgerlichen Belgrad pendelt. Nationale Stereotypen bekämpfen zu wollen sei aussichtslos, resümiert der Gelehrte seine Erfahrungen. Deswegen versuche man, den Heranwachsenden bewusst zu machen, dass andere mit abweichenden Stereotypen herumliefen und man mit diesen rechnen sollte. Die Alternativen Lehrmittel, die auf Serbisch, Kroatisch, Bosnisch, Albanisch, Mazedonisch erscheinen, enthalten deswegen auch kein „richtiges“ Resümee über Schuldige und Unterdrückte. Erfahrungsberichte von Lehrern, selbst an Dorfschulen, die, oft nach anfänglicher Skepsis, begeistert sind und die Lehrbücher für Kollegen nachbestellen, stimmen Śebek vorsichtig optimistisch. Doch die Wirtschaftslage bleibt schlecht, und das fördert nun mal Nationalismus.

          Die Spuren des NATO-Bombardements von 1999 sind noch immer allgegenwärtig: Das ehemalige Militärhauptquartier in Belgrad.

          Serbien hat sich von dem in jedem Fall völkerrechtswidrigen Bombardement, das nicht zuletzt der Infrastruktur galt, kaum erholt. Viele Qualifizierte arbeiten im Ausland. Einen Lichtpunkt bildet die Fakultät für Maschinenbau an der Belgrader Universität, die älteste, größte und unverändert führende Ausbildungsstätte für Ingenieure der Region, die Studenten aus ganz Ex-Jugoslawien, aber auch aus arabischen Ländern anzieht und mit Hochschulen in aller Welt kooperiert.

          Der Juniorprofessor für hydraulischen Maschinenbau Ðorđe Čantrak hat in Rostock, Stuttgart und Karlsruhe studiert, in Stanford und bei der Nasa geforscht; er möchte aber an seiner Alma Mater bleiben, auch wenn sein Einkommen dort weit unter dem liegt, was er in Westeuropa verdienen könnte. Čantrak, der in den neunziger Jahren an Studentendemonstrationen gegen Milošević teilnahm, war während der Nato-Bombenangriffe auf Jugoslawien im Frühjahr 1999 in der Stadt. In seinen Augen war dieser Militärschlag ein schweres Verbrechen. Denn die Bomben hätten gezielt nur eine Nation mit Leid bestraft und außerdem die Böden mit Uran verseucht. In Serbien seien die Krebserkrankungsraten gestiegen. Außerdem, so hört man oft, stärkten sie Milošević in einer Phase, da er den Rückhalt im Land verlor, und sie waren ein Startsignal für antiserbische Pogrome.

          Eigene kulturelle Wege

          Der Theaterregisseur Milan Nešković nimmt mit schwarzem Humor die Bomben als Bild dafür, dass die Serben es schaffen, immer auf die falsche Seite zu geraten. Neškovićs Inszenierung der abgründigen Kriegskomödie von Aleksandar Popović (1926 bis 1996), „Kaffee weiß“, die mit dem Osterfest 1944 beginnt, als die Westalliierten Belgrad bombardierten, ist der Hit der Saison im hauptstädtischen Nationaltheater. Das Stück des genialischen Gossenpoeten Popović begleitet Figuren aus dem Bürgertum auf dem Weg ihrer Deklassierung. Brav akzeptieren sie die Abschaffung von Weihnachten. Seine Hauptinspirationsquelle sei die Politik, das sei die beste Theaterbühne, schwärmt Nešković. Dort sehe man, wie die Geschichte sich als Farce wiederhole. Ich brauche bloß unserem Premierminister Vučić zuzuschauen, sagt er: Der sei vor zehn Jahren ein strammer Nationalist gewesen, heute sei er Angela Merkels dickster Freund.

          Nešković verlangt von seinen Schauspielern, sich emotional total im Stoff zu verlieren, damit das Publikum über sie lachen und weinen könne. Sowohl mit seinem Inszenierungsstil als auch der Vorliebe für Popović, von dem er an einem anderen Haus ein weiteres Stück einstudiert, betont er seine Distanz zur westeuropäischen, vor allem deutschen Theaterästhetik. Deutschland habe nicht nur die beste Wirtschaft, sondern auch das allerintellektuellste Theater, schwärmt er ironisch, für die Serben tauge das nicht; sie müssten ihre eigenen kulturellen Wege gehen.

          Haushoch überlegen

          Doch der Verleger Hamović sorgt sich um diese Kultur. Die Generation seiner Kinder interessiere sich nicht mehr für die Inhalte von Büchern, sondern nur noch für Medienspielzeug, beobachtet der Buchproduzent. Die Fähigkeit zur Empathie, von der alle Kultur lebe, gehe verloren, mit einem Glaubensbekenntnis zur Kunst mache man sich lächerlich. Hamović gehört zu den nicht wenigen Intellektuellen, die mit dem untergegangenen Jugoslawien auch Positives verbinden. Es habe, wie in der EU, eine übernationale Identität gegeben, Ethnien spielten keine Rolle. Jugoslawien hätte als Ganzes in die EU integriert werden sollen, findet er. Doch die EU nahm nur Kroatien und Slowenien auf und habe durch ihre Zerstückelungspolitik Öl ins nationalistische Feuer gegossen.

          Flüchtlinge im serbischen Sid. Diese Migranten werden den Kontinent wirklich verändern, prophezeit der serbische Demoskop Srđan Bogoslavlević.

          Darüber kann der Altmeister der serbischen Demoskopie Srđan Bogoslavlević freilich nur homerisch lachen: Serbien komme ihm vor wie ein verlassener Ehemann, der sich damit zu rechtfertigen versuche, dass er seine Frauen bloß gelegentlich geschlagen habe. Die angeblichen Uranrückstände von den Bombardements seien nicht nachgewiesen. Serbien, wo auf einen Rentner nur ein Gehaltsempfänger komme, sei vor allem demographisch in einer schlimmen Lage. Dazu kämen nationalistische Neigungen bei den sozial „Abgehängten“ und bei den gut Ausgebildeten der Wunsch nach Auswanderung in den Westen.

          Der sei freilich bei den Flüchtlingsscharen, die in serbischen Lagern verhältnismäßig gut, aber provisorisch untergebracht würden, noch viel stärker. Diese Migranten werden den Kontinent wirklich verändern, prophezeit Bogoslavlević. Denn in puncto Energie, Ehrgeiz und Leidensfähigkeit seien sie den alteingesessenen Europäern haushoch überlegen.

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