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Digitaler Exhibitionismus : Selfies als pädokriminelle Handelsware

  • -Aktualisiert am

Amanda Todd, die sich 2012 im Alter von 15 Jahren das Leben nahm. Bild: action press

Eine neue Form des sexuellen Missbrauchs ist durch aktive Teilnahme unserer Kinder möglich geworden: Das arglos ins Internet gestellte Selfie wird immer häufiger zu Material und Handelsware für pädokriminelle Täter.

          Im Oktober 2012 nahm sich ein 15-jähriges Mädchen das Leben. Sie starb vor Verzweiflung darüber, dass sie geärgert und gemobbt wurde. Hundertfach, tausendfach machten sich Menschen im Netz über sie lustig, genauer gesagt: über ihren Körper. Der Tod der Amanda Todd ist nicht irgendeine der vielen beklagenswerten Selbsttötungen, die Jugendliche seit den „Leiden des jungen Werther“ begehen. Amanda markiert einen längst vollzogenen Wendepunkt des Mobbings im Netz – eine Folge dessen, was man den digitalen Exhibitionismus nennen kann.

          Die digitalen Medien haben die Gesellschaft nachhaltig verändert. Wir sollten unsere paradiesische Naivität aufgeben und uns den Realitäten stellen. Wir müssen erkennen, was das Neue an der weltweiten digitalen Vernetzung bedeutet – besonders für Jugendliche, die dort ihre Identität suchen.

          Ein Selfie kann zur Waffe werden

          In einem neunminütigen Video schilderte Amanda uns mit handgeschriebenen Zetteln ihr Martyrium – und dabei zugleich viel über die Gefahren des Netzes. Mit zwölf Jahren hatte sie sich in einem Videochat mit einem Unbekannten überreden lassen, ihren Körper nackt zu zeigen. Sie entblößte sich selbst. Seitdem stand ihr Leben Kopf. Der Mann erpresste sie mit einem heimlich aufgenommenen Video. Er verbreitete Bilder ihres Busens. Amanda versuchte zu fliehen, und die Familie wechselte den Wohnort. Ein Jahr später entstand auf Facebook ein Profil – mit ihrem Busen als Erkennungsbild. Sie wurde zur Außenseiterin, und sie erholte sich nie. Drei Jahre später beging sie Selbstmord. Selbst die Hackergruppe Anonymous konnte ihren Peiniger bis heute nicht aufspüren.

          Was Amanda Todd machte, tun Millionen Menschen jeden Tag. Sie zeigen sich, sie stellen sich zur Schau. Auch wenn sie sich dabei nicht zwingend nackt zeigen müssen, so entblößen sie doch ihre Seelen. Die Ikone des „Sich-Zeigens“ ist das „Selfie“; es ist das Paradebeispiel des digitalen Exhibitionismus. Das Selfie ist ein selbstproduziertes Bild, und es kann so schön und lustig sein wie das von Ellen DeGeneres, Meryl Streep und anderen bei der Oscar-Verleihung. Aber ein Selfie kann auch zur Waffe werden – von Fremden gegen den arglosen, unschuldigen Urheber des Bildes gerichtet. Von jedem zu jeder Zeit. Mit Absicht oder aus Gedankenlosigkeit.

          Solche gegenseitigen Verletzungen sind nicht neu, es gibt sie seit Menschengedenken. Neu ist die öffentliche Zurschaustellung, die Entblößung und Demütigung bis in den letzten Winkel des Planeten. Der digitale Exhibitionismus ist grenzenlos und unkontrollierbar. Wer hier einmal nackt ist, der ist es immer und überall. Amanda Todd konnte umziehen, wohin sie wollte – das von ihrem Peiniger erbeutete Selfie verfolgte sie überallhin.

          Gefühl einer scheinbar unendlichen Macht

          Die digitale Vernetzung und die sogenannten sozialen Medien verändern unser Miteinander. Will ich dabei sein, so muss ich Aufmerksamkeit herstellen. Ich muss mich digital exhibitionieren, sonst werde ich übersehen. In sozialen Netzwerken und Chaträumen, bei Online-Spielen und Messenger-Diensten – überall muss ich mich präsentieren. Mit Foto, Beschreibung, besonders cool, lässig, interessant. Irgendwie – aber in jedem Fall öffentlich. Auch bei Bewerbungsportalen veröffentliche ich ein Profil. Die Grundlage der sozialen Netzwerke ist der Exhibitionismus. Das bedeutet maximal mögliche Aufmerksamkeit, aber es bringt neben viel Zuspruch auch maximale Verletzbarkeit. Der rauhe bis zerstörerische Ton, der in den Netzwerken herrscht, wurde allenthalben beschrieben. Die anonyme Masse, gepaart mit der eigenartigen Mischung von Nähe (ich sehe dein Profil und bin dir ganz nah) und Distanz (ich sitze vor meinem Bildschirm und bin weit weg von dir), bringt auffällige Ergebnisse hervor.

          Verbal fällt man über andere her. Man rottet sich zusammen, um anderen weh zu tun. Wo Worte nicht reichen, werden die Fotos und Filme genutzt, mit denen Menschen sich präsentieren. Entweder macht man sich nur über sie lustig, oder aber es wird gedroht und erpresst, indem man sie verbreitet – oder gar verändert. Die digitale Existenz des anderen in meiner Photoshop-Software vermittelt das Gefühl einer scheinbar unendlichen Macht, die vergessen lässt, dass an den anderen Bildschirmen Menschen sitzen. Aber wir sollten nicht nur auf die Amandas schauen, sondern auch auf die Täter. Sie machen sich eines neuen Typs von Missbrauch schuldig. Wir müssen endlich verstehen, wie sehr die digitalen Medien und das Internet die Tat des sexuellen Missbrauchs selbst verändern. Pädokriminelle Täter und Täterinnen haben sich das Netz sofort zunutze gemacht. Es vergrößert ihre „Spielwiesen“ exponentiell. Nie konnte ein Fremder so schnell so nah und so ungestört an seine Opfer herankommen. Sexueller Missbrauch gilt von jeher als eine Nahfeld-Tat. Dieses Nahfeld ist durch das Netz ungeheuer erweitert worden.

          Die Polizei-Operationen der letzten Dekade hießen „Landslide“, „Marcy“, „Mikado“, „Flo“, „Himmel“ oder „Spade“, und sie richteten sich gegen die Täter alten Typs. Mal war das FBI federführend, mal Europol, mal auch das deutsche BKA. Jeder dieser Schläge gegen den organisierten Handel mit Kinderpornographie wurde mit Superlativen beschrieben, kurz in der Presse gefeiert – und schnell wieder vergessen. Die wahren Superlative, nämlich die rasante Vermehrung solcher Abbildungen findet dagegen selten Beachtung. Bei „Landslide“ sprach man pauschal von „fünftausend Websites“, ohne zu benennen, wie viele Filme oder Fotos, die sexuellen Missbrauch zeigen, darin enthalten seien. „Operation Marcy“ stellte „alleine in Deutschland 745 Computer, mindestens 35500 CDs, 8300 Disketten sowie 5800 Videos“ sicher. Bei „Operation Spade“, in deren Verlauf Sebastian Edathy als Kunde entdeckt wurde, spricht man von mehr als 45 Terabyte sichergestelltem Material – das entspricht der Menge von rund 30000 Kinofilmen.

          Leugnen gehört zur Realität des Missbrauchs

          Die australischen Strafverfolger beschreiben Konsumenten von Abbildungen sexuellen Kindesmissbrauchs so: Sie „leben in aller Regel in Beziehungen, haben Arbeit, verfügen über einen leicht überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten, eine Universitätsausbildung und sind nicht vorbestraft“.

          Der digital vervielfältigte und vermarktete Missbrauch hat ein reales Gegenstück. Im Jahr 2012 wurden 12.623 Fälle sexuellen Missbrauchs zur Anzeige gebracht. Hinter dieser Zahl verbergen sich 14.865 missbrauchte Mädchen und Jungen. Das bedeutet, dass etwa alle 40 Minuten in Deutschland ein Kind missbraucht wird. Und das sind nur die polizeilich bekannten Fälle. Laut einer Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens wird aber nur jeder fünfte Missbrauch angezeigt. Wie viele Missbrauchshandlungen mögen sich dann tatsächlich zutragen?

          Wir alle kennen betroffene Mädchen, Jungen, Frauen und Männer – ohne es zu wissen. Und wir alle kennen auch Täter und Täterinnen – ohne es zu wissen. Wir wollen es nicht wissen – doch wir müssen es wissen! Denn Leugnen gehört zur Realität des Missbrauchs. Verleugnung verrät das Kind und nützt allein dem Täter oder der Täterin. Bereits das ist schwer zu ertragen. Die digitale Vernetzung aber erschafft neuen Missbrauch. Ende 2013 bewies uns Terre des Hommes Niederlande mit „Sweetie“, was wir unter dem technokratischen Begriff „Webcam Kindersextourismus“ zu verstehen haben. Tausende Männer, die aus ihrem gemütlichen Zuhause per Webcam auf Kinder in den Philippinen zugreifen – und sie missbrauchen. Aus der Ferne ganz nah. Online, gegen Bezahlung. Bequem führen sie Regie. Lassen die Kinder sich entkleiden vor der Kamera, räkeln, sich selbst berühren, während sie zu Hause sitzen und sich dabei befriedigen.

          Lukrativer Markt für Kinder-Nacktbilder

          Der Missbrauch findet längst auch im Internet statt. Die Technologie macht es möglich – nicht nur über Tausende von Kilometern hinweg zu missbrauchen, sondern diesen Missbrauch auch noch festzuhalten in Bild und Ton. Für immer. Für den Eigenbedarf, zum Tauschen oder Verkaufen. Alles geht.

          Derzeit führt uns der Fall Edathy die Frage nach den verschiedenen Formen der Ausbeutung von Kindern vor Augen. Es gibt einen Markt für Kinder-Nacktbilder. Es ist ein lukrativer, geheimnisvoller Markt, auf dem man legales „Material“ beziehen kann. Genau hinter dieser kalten Abstraktion werden ausgebeutete Kinder versteckt. Die Sammlung solcher Nacktbilder setzt sich zusammen aus eigens dafür produzierten Filmen und Fotos, solchen, die als „Abfallprodukt“ bei Missbrauchsfilmen entstehen, und solchen, die auf sozialen Netzwerken oder in Chats leicht zugänglich sind. Eingestellt von den Mädchen und Jungen wie Amanda. Eine Untersuchung der Internet Watch Foundation in Großbritannien hat ergeben, dass 88 Prozent dieser Sexting Selfies auf parasitären, oft pornographischen Seiten landen, und zwar ohne das Wissen derer, die sie posteten. So ist der gesellschaftlich akzeptierte digitale Exhibitionismus zum ahnungslosen Zulieferbetrieb für pädokriminelle Netzwerke geworden.

          Das nackte, ausgebeutete und missbrauchte Kind wird ein weiteres Mal zum Objekt degradiert und als Stimulans zur Selbstbefriedigung benutzt. Millionenfach kopiert, neu montiert, verbreitet auf antiseptisch anmutende Weise, mit einem Klick in Peer2Peer-Sharing- Netzwerken, in Clouds, in Tor- Netzwerken. Verkauft, getauscht, antastbar und gequält – die Würde des Kindes. Das sind die finsteren Folgen des digitalen Exhibitionismus. Wer Kinder besser schützen will, muss sich endlich der neuen Dimension widmen.

          Die Psychologin Julia von Weiler ist Geschäftsführerin der deutschen Sektion von Innocence in Danger e.V. Die Organisation kämpft gegen sexuellen Missbrauch von Kindern mittels digitaler Medien, wie etwa die Verbreitung von Kinderpornographie.

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