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Selbstzufriedenes Europa : Die große Erschlaffung

Brigitte Macron und Peng Liyuan in der Opéra Garnier Bild: AFP

Könnte es sein, dass das liberale Europa nicht nur durch Systemgegner auf die Probe gestellt wird? Sondern auch durch sein eigenes Desinteresse an der gewandelten Welt? Wo bleibt die Neugier, von anderen zu lernen?

          7 Min.

          Emmanuel Macron hatte sich einen sehr speziellen Ort ausgesucht, als er vergangene Woche dem chinesischen Präsidenten zeigen wollte, was Europa ist. Die im frühen neunzehnten Jahrhundert auf einen Felsen über dem Mittelmeer gebaute Villa Kérylos ist die Phantasie eines antikenbegeisterten Franzosen über das alte Griechentum, „gleichzeitig Traum und Realität, Erinnerung und Gegenwart“, wie sein Enkel später formulierte. Auf der Website der heute dem Staat gehörenden Touristenattraktion heißt es, das nach dem Vorbild alter Villen auf der Insel Delos entworfene Haus zolle „der Erfindung einer Zivilisation ihren Tribut, in der sich die Menschheit im Mittelpunkt der Welt befindet“. Kann man ein schlagenderes Beispiel dafür finden, dass Europa sich ständig neu aus seinen Ursprüngen erfinden und dabei an seinem Anspruch festhalten will, eine Aussage über den Menschen als solchen zu treffen? Auf jeden Fall war die Wahl des Orts ein markantes Beispiel für den Versuch der neuen Selbstvergewisserung, die Macron der durch vielfältige Umbrüche verunsicherten EU verordnen will.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ob der französische Präsident seinem Besucher Xi Jinping, dem Vertreter einer Tradition, die sich gleichfalls als Mitte der Welt imaginiert, dieses Selbstbild auch mündlich erläutert hat, ist nicht bekannt; von dem gemeinsamen Abendessen in der Villa Kérylos drang nichts nach außen. Über den neuen Willen der EU zur geopolitischen Selbstbehauptung ließ er in Paris am folgenden Tag seinen Gast jedenfalls nicht im Unklaren; zusammen mit Angela Merkel und Jean-Claude Juncker betonte er die „Reziprozität“ der Marktzugänge, den Respekt vor der Einheit der EU und die neue Einschätzung Chinas nicht nur als Partner, sondern als „Rivale“. Das entspricht dem demonstrativen Selbstbewusstsein, mit dem Macron Anfang des Monats in einem offenen Brief dem verzagten Kontinent außer einer etwas disparaten „Fortschritts“-Agenda (Grundsicherung, Klima, Afrika-Pakt) vor allem mehr gemeinsame Kontroll- und Abwehrmaßnahmen empfohlen hatte.

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