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Selbstvermarktung : Abenddämmerung der Lauten

Es ist an der Zeit, den Ego-Lautsprecher mal ein paar Stufen leiser zu stellen. Bild: Colourbox.com

So Langsam verschaffen sich auch die Leisen und Introvertierten Gehör in unserer Gesellschaft und übernehmen das Ruder. Das ist eine gute Entwicklung, die die Nerven schont.

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          Wenn nicht alles täuscht, dann ist, wie vor fünfzehn Jahren in der Popmusik, unter den Politikern und den Wirtschaftsbossen häufiger „Leise das neue Laut“. Müssen wir uns wirklich „abstrampeln, ständig für uns selbst trommeln, um Erfolg zu haben, respektiert und beachtet zu werden?“, fragt gerade die Zeitschrift „Psychologie heute“. Wir müssen es nicht. Wie wäre es, wenn wir den Ego-Lautsprecher zur Abwechslung mal ein paar Stufen leiser stellen und hören, was Susan Cain dazu zu sagen hat? „Wenn wir davon ausgehen“, schreibt die Autorin des Bestsellers „Still – Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“, „dass stille und laute Menschen in etwa dieselbe Anzahl an guten oder schlechten Ideen haben, dann sollte der Gedanke, dass nur die lauteren und energischeren Menschen sich durchsetzen, uns besorgt aufhorchen lassen.“ Schon in der Schule, so Cain, werde versucht, stille Schüler in extrovertierte zu verwandeln, um ihre Erfolgschancen zu erhöhen.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Unterscheidung von introvertierten und extrovertierten Menschen geht auf die Typenlehre C.G.Jungs zurück. Ihm war bei seiner praktischen ärztlichen Arbeit mit nervösen Patienten aufgefallen, „dass es neben den vielen individuellen Verschiedenheiten der menschlichen Psychologie auch typische Unterschiede gibt, und zwar fielen mir zunächst zwei Typen auf, die ich als Introversions- und Extraversionstypus bezeichnete“. Jeder Mensch aber besitze beide Mechanismen, den der Extraversion sowohl wie den der Introversion, und nur das relative Überwiegen des einen oder des anderen mache den Typus aus.

          Die Überbietungsspirale

          Inzwischen weiß man, dass, wer dem „Introversionstypus“ zuneigt, dessen neuronale Reizschwelle niedriger ist als die extrovertierter Menschen. Das bedeutet, dass das Gehirn nicht nur Reize anders verarbeitet, sondern auch innerhalb von Ruhephasen eine höhere neuronale Aktivität aufweist. Anders formuliert: Was der Extrovertierte als anregend, inspirierend, als beflügelnd empfindet, verschreckt den Introvertierten womöglich. Sein Rückzug ist indes keine Flucht, sondern gibt ihm die Möglichkeit, das Erlebte zu ordnen. Obwohl dieser Befund keinerlei Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit des einen oder anderen Typus zulässt, trauen wir dem Extrovertierten in der Regel die besseren Karriereaussichten, den größeren Erfolg zu. Introversion, sagt Susan Cain, gelte heute, gemeinsam mit ihren Attributen der Empfindsamkeit, Ernsthaftigkeit und Schüchternheit, „als Persönlichkeitsmerkmal zweiter Klasse“.

          Nach der Finanzkrise 2008, die die Ungerechtigkeit befeuert und die gesellschaftlichen Gräben weiter vertieft hat, wurde wiederholt gefragt, ob mehr Frauen in den entscheidenden Positionen die aberwitzigen Spekulationsgeschäfte hätten verhindern können. Die dringlichere Frage aber hätte lauten müssen, ob nicht mehr introvertierte Entscheider die Katastrophe hätten verhindern können. Susan Cain glaubt das und verweist auf das Buch „The Big Short – wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte“, in dem der Autor Michael Lewis unter anderem drei Menschen porträtiert, die das Desaster vorausgesagt haben – alle drei waren introvertierte Typen. „Einer von ihnen war Michael Burry, der von sich sagt, ,er fühle sich am wohlsten im eigenen Kopf‘, bei den anderen handelte es sich um zwei scheue Investoren; sie gingen Wetten mit begrenztem Verlustrisiko ein, die aber einen satten Gewinn abwarfen, wenn auf dem Markt dramatische Veränderungen eintraten.“ Aber die Warnungen verpufften, der Crash nahm seinen Lauf.

          Das laute, zum Narzissmus neigende Ich muss freilich gar nicht an den Hebeln der Macht sitzen, um Ungerechtigkeiten zu befördern und sonstigen Schaden anzurichten – es schadet bereits der kollektiven Intelligenz einer Gruppe. „Vollends ineffektiv“, so die Zeitschrift „Psychologie heute“, werde es, „wenn mehrere Schauläufer aufeinandertreffen und in eine Überbietungsspirale geraten“. Bis aufs Äußerste strapaziert werden dabei nicht nur die Nerven der Ruhigeren, die, um ihre Ideen zu äußern, unverhältnismäßig viel Energie aufwenden müssen oder von vornherein kapitulieren, sondern auch die des ständig nach vorne Preschenden selbst. Die Lautsprecherei zehrt an den Kräften.

          Lautstarke Selbstvermarktung

          Viele Laute haben mittlerweile abgedankt und die Leiseren, Introvertierteren das Ruder übernommen. Bestes Beispiel: Olaf Scholz, Hamburgs Erster Bürgermeister, den man lange für einen apparatschikhaften Langweiler hielt, einen „Scholzomaten“. Oder Martin Zielke, der Chef der Commerzbank, der unlängst die Strategie „Commerzbank 4.0“ dermaßen unaufregend vorstellte, dass wohl den meisten das Zuhören schwergefallen sein dürfte. Der Mann wohnt, anders als viele seiner Kollegen, weder im teuren Frankfurter Westend noch im Taunus, sondern ganz unspektakulär in Bruchköbel im Main-Kinzig-Kreis.

          Ein Langweiler! Endlich führen nicht Charismatiker oder „Visionäre“ große Banken, keine rhetorisch brillanten Blender, die auf Gesten setzen, niemand vom Schlage eines „Johann Holtrop“, wie der skrupellose, an den einstigen Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff angelehnte Karrierist aus Rainald Goetzens gleichnamigem Roman. Holtrop, ein zur Selbstreflektion unfähiger Narzisst, ein Geld- und Menschenverbrenner, ein „Entscheidungshysteriker“, walzt alles, was seinen Aufstieg verhindert platt. Mit Manipulationsgeschick ausgestattete Typen wie er haben es, solange lautstarke Selbstvermarktung als soziale Kompetenz idealisiert wird, leichter als diese stillen, von Vermarktungsplattformen umgebenen Arbeiter. „Mach dein Ding“, lautet der Rat einer Baumarkt-Kette. Das könnte in Zukunft leiser vor sich gehen.

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