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Selbstoptimierung : Ihn würde der Leberfleck stören

Gift zur Faltenglättung: Botox ist seit fast zwanzig Jahren Teil des Perfektionierungswahns Bild: ddp

Der Arzt von heute bietet Dienstleistungen der Rundumoptimierung an. In der Konkurrenzgesellschaft stehen wir insgeheim auch im Wettbewerb mit der Natur. Unbemerkt verändert sich dabei die Moral.

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          Hautärzte sind inzwischen auch Schönheitschirurgen. Im Wartezimmer fragt man sich irritiert, ob man sich vielleicht in der Tür geirrt hat. Früher waren dort die Wände mit finsteren Abbildungen von Ekzemen, Abszessen und Geschwüren tapeziert. Solche Fotos entdeckt man nach wie vor, nur muss man sie suchen, die vielen Vorher-Nachher-Bilder haben sie verdrängt. Vorher heißt: vor der Botox-Spritze, dem Laser gegen Warzen, Fetteinlagerungen an den Augenlidern, Altersflecken, Krähenfüße. Vor dem Fruchtsäurepeeling. Dem HyaluronFiller. Nachher heißt: Man ist schöner als vorher.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Erstaunlicherweise begrüßen einen Hautärzte noch immer mit den Worten: „Womit kann ich Ihnen helfen?“ Und nicht: „Was kann ich Ihnen verkaufen?“ Genau das versuchen einige offensiv, weshalb Sätze wie „Mich würde der Leberfleck stören“, oder: „Wenn Sie die Botox- mit einer Hyaluronbehandlung kombinieren, gewähre ich Ihnen einen Rabatt“, nicht ungewöhnlich sind. Es ist besser, man leidet nicht an einem offenen Bein. Beim Zahnarzt herrscht dasselbe Perfektionierungsprinzip. Überall lachen einen weiße, gerade Zahnreihen an, und während der Wurzelbehandlung läuft auf dem Bildschirm ein Film über die neueste Bleaching-Methode. Im Moment sind Zahnaccessoires wie funkelnde Steine besonders beliebt.

          Marketing für den Kaiserschnitt

          Durch „Gala“ und „Bunte“ blätterte man sich einmal, um zu erfahren, wer wen mit wem betrogen, sich in wen verliebt, wen verlassen hat. Jetzt geht es immerzu darum, wessen Figur nach der (Kaiserschnitt-)Geburt am schnellsten aussieht, als wäre nichts passiert. Das Wunder der Perfektion erklären die Stars meist mit einem Hinweis auf ihren Fitnesstrainer. Das Model Karolina Kurkova lief schon nach wenigen Monaten der Geburt des Sohnes über den Laufsteg, was mit Pilates und ballaststoffreicher Nahrung gelungen sein soll. Andere schafften es mit grünem Gemüse, roh oder gekocht, tranken Protein-Shakes und stopften an Omega-3-Fettsäuren reiche Lebensmittel in sich hinein. Man darf jedoch vermuten, dass in nicht wenigen Fällen zusätzlich ein Schönheitschirurg das Fett abgesaugt und die Haut gestrafft hat.

          War da ein Schönheitschirurg am Werk? Das Model Karolína Kurková lief schon wenige Monate nach der Geburt ihres Sohnes über den Laufsteg.

          Das Kind per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen ist nicht nur ein Trend in Hollywood. Wer Hebamme werden möchte, sollte es sich anders überlegen, denn die Kaiserschnittrate stieg in den vergangenen Jahren drastisch an. In Deutschland wird jede dritte Geburt per Kaiserschnitt abgewickelt, in Amerika sogar jede zweite, ein Großteil davon ist medizinisch nicht notwendig. Amerikanische Frauenarztpraxen betreiben mittlerweile in Broschüren Marketing für den Kaiserschnitt. Der Werbeslogan lautet: „Save your love channel!“ - Rette deinen Liebeskanal! In Internetforen diskutieren besorgte Frauen über diesen Liebeskanal-Spruch. Sie fragen, ob „nach der Geburt ,untenrum' wirklich alles wieder so wie vorher ist?!“ und nicht doch ein Kaiserschnitt das Sicherste sei?

          Mit vierzig kann man die Haut einer Dreißigjährigen haben

          Die Angst ist groß, dass ein Kind den Körper beschädigen könnte. Und sie wächst. Die sportive Ausübung der Liebe darf nicht beeinträchtigt werden. Der Körper muss funktionieren und seine Belastung durch eine Schwangerschaft auf ein Minimum reduziert werden. In diesem Sinne stellt die Natur eine Zumutung dar, weil sie uns Freiheiten raubt. Die Idee dahinter ist klar: Im schrankenlosen Wettbewerb kann nur bestehen, wer sich kontinuierlich dem Optimierungsgedanken unterwirft und stets aufs Neue sein Leben und seinen Körper überprüft. Ist es sinnvoll, den Arbeitsplatz zu wechseln? Eine andere Krankenversicherung zu wählen? Das Aktiendepot zu erweitern? Die Falten weglasern zu lassen? Den Po zu straffen?

          Der Mensch strebt seit jeher nach einem erfüllten Dasein, einem attraktiven Äußeren, das ist nicht neu. Frauen zwängten sich in absurd enge Taillenkorsetts, die weiblichen Mitglieder eines Bergvolks von Myanmar deformieren absichtlich ihre Schultern, sie tragen schweren Schmuck um den Hals, damit dieser länger erscheint, und in China verschnürte man einst die Füße von Mädchen; je kleiner sie blieben, desto attraktiver waren sie. Heutzutage liften Ärzte eben Gesichter und spritzen Lippen auf. Es ist möglich, mit vierzig die Haut einer Dreißigjährigen zu haben, den Busen, die Schenkel.

          Der Körper verkümmert zum Objekt

          Vierzig, liest man in Frauenzeitschriften, ist das neue dreißig. Jede Zeit hat ihre technischen Möglichkeiten. Doch die derzeitige Entwicklung ist dramatisch. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zu früher: Der moderne Mensch ist ein Rundumdesigner, dessen Blick nicht nur auf das Äußere fällt, er fällt gleichzeitig nach innen. Wir arbeiten besessen daran, der Natur Grenzen aufzuzeigen, sie auszutricksen, weil wir auch mit ihr im Wettbewerb stehen.

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