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Bundesregierung-Kommentar : Klima im Nebel

Die Hitze über Berlin: Ende Mai vor dem Bundeskanzleramt Bild: dpa

Irgendwann löst sich auch der dichteste künstliche Nebel auf. Schönstes Beispiel sind Merkels sonnige Energiewunderlandpläne – von denen zum Auftakt des Klimadialogs nicht viel bleibt.

          Dem Sommer vorschreiben zu wollen, wie er zu sein hat, ist eine jener latenten Versuchungen von uns Menschen, gegen alles zu wettern, was sich uns als höhere Macht in den Weg zu stellen versucht. Zu warm, zu nass, zu schwül oder zu kalt, sobald die Falschwetterfrage auf den Tisch kommt, wird es unter dem Deckmäntelchen des meteorologisch Apolitischen hochgradig politisch. Denn mit dem Klimawandel hat auch der Sommer seine politische Unschuld verloren.

          Am meisten muss das die Politik selbst beunruhigen. Schon der kleinste meteorologische Anlass genügt jetzt, der Klimapolitik an den Karren zu fahren. Und die Sache wird immer brisanter: In dem Entwurf für den neuen Sonderbericht des Weltklimarates IPCC, der zwar noch nicht veröffentlicht ist, aber vor ein paar Tagen geleakt wurde und gewiss auch in den Aktenordnern Dutzender Klimadiplomaten herumgetragen wird, die sich gerade zum Petersberger Klimadialog in der deutschen Hauptstadt treffen, gibt es klimapolitisch kein Vertun mehr: Nicht zwei Grad, sondern 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau darf es bis zum Ende des Jahrhunderts höchstens wärmer werden, mehr nicht.

          Die internationale Klimapolitik steuert aber völlig ungerührt auf Katastrophen ankündigende drei Grad und mehr zu. Die Schere öffnet sich also immer weiter. Jahrelang hat man in den Hauptstädten frei nach dem Sommer-bleib-bei-mir-Muster so getan, als reiche das klimapolitische Mandat der Vereinten Nationen aus, das Ruder noch herumreißen. Doch irgendwann löst sich auch der dichteste künstliche Nebel auf. Schönstes Beispiel sind Merkels sonnige Energiewunderlandpläne.

          An der sozialdemokratischen Bundesumweltministerin Svenja Schulze war es am Montag, zum Auftakt des Klimadialogs die neuerliche Bloßstellung der Ex-Klimakanzlerin abzufedern und vorwegzunehmen, was die Kanzlerin an diesem Dienstag außer Durchhalteparolen sonst noch zu sagen hätte. „Es ist bitter“, ließ Schulze im trübsten Jammerton wissen, aber die selbstgesteckten Klimaziele würden definitiv verfehlt. Deutschland versagt.

          Die Zeit der Faktenverschleierung läuft ab. Kein Nebel also mehr, statt dessen ein breites, tiefes Frösteln in der Umweltpolitik. Während wir so schnurstracks auf die Sommersonnenwende und damit den Höhepunkt dieses für viele einmal mehr unbefriedigenden Sommers zusteuern, wird man es in Berlin nicht länger dabei belassen können, die Hosen runterzulassen, sondern sich auch mit einem plausiblen Ende der Widersprüche zu beschäftigen. Kohle- oder Klimaland, das ist die Sommerfrage, die zu den laufenden parteipolitischen Streitigkeiten auch noch pechschwarz über dem Berliner Himmel steht.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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