https://www.faz.net/-gqz-98ax8

Selbstfahrende Autos : Die Stadt als Hochrisiko-Teststrecke

Es stehen sich Anhänger der Permakultur und Anhänger eines neuen Technofuturismus gegenüber. Die einen glauben, mehr Fahrräder und besserer öffentlicher Nahverkehr sowie eine Reduktion des Mobilitätsbedarfs wären die Lösung. Ihnen stehen diejenigen gegenüber, die glauben, das Silicon Valley werde die Menschheit mit totalvernetzten, aus Solarenergie gespeisten hypertechnologisisierten Robotertaxis und -häusern in eine verheißungsvoll knisternde Zukunft schießen.

Auf der Straße zeigte sich immer wieder, wie überfordert Roboter (noch, sagen ihre Anhänger) von komplexen Situationen sind, mit denen das menschliche Gehirn alles in allem gut klarkommt. Auch juristische und ethische Fragen sind keineswegs geklärt. Sollte sich dies und die Technologie nicht dramatisch bessern, wird die urbanistisch fatale Trennung von Verkehr und Fußgängern wie in den Reißbrettstädten der Moderne bis auf weiteres auch die Zukunft der Smart City sein; der maliziöse und zynische Hinweis darauf, dass die getötete Radfahrerin sich „außerhalb eines Überwegs auf der Straße befand“, ist ein erster Hinweis in diese Richtung.

F.A.Z. Einspruch – das neue Digitalmagazin für Juristen.
F.A.Z. Einspruch – das neue Digitalmagazin für Juristen.

Sechsmal in der Woche exklusive Geschichten, pointierte Meinungen und Debattenbeiträge aus der Welt des Rechts. Jetzt hier testen!

Mehr erfahren

Verkehrspolitiker und Mobilitätsapostel treten dennoch stets mit einem beunruhigenden inneren Leuchten vor die Kameras und wiederholen gebetsmühlenartig, dass autonom fahrende Autos bequemer seien und viel weniger Unfälle sowie weniger Staub verursachen. Die Lobbyisten der Automobil- und Datensammelbranche haben ganze Arbeit geleistet, in der Debatte ums Roboterauto deren ökonomische Interessen zu verschleiern: die Aussicht auf saftigste Gewinne. Denn wenn man all die zig Millionen Lenker, die jeden Morgen zur Arbeit dieseln, zu Beifahrern macht, können sie diese Zeit mit Googeln, Online-Shopping, Arbeit und anderen Formen der Produktion von Daten verbringen, die von den Autoherstellern und Internetkonzernen ausgewertet und verkauft werden können; es geht um ein Milliardengeschäft.

Jenseits davon hat die Abschaffung des Lenkrads hat auch Symbolwert: Sie markiert die Verwandlung des aktiven, seiner Verantwortung bewussten, aktiv handelnden Bürgers in einen dösenden Beifahrer zentral gesteuerter, in ihrem Handeln letztlich kaum noch kontrollierbarer Systeme. Dass das Leben auf Level 5 entspannter sei, wenn man alle Verantwortung und alles aktive Handeln delegiere und zentral verwalten lasse, ist nicht nur das Versprechen der rollenden Lounges, die in Genf gezeigt wurden, sondern auch das der autoritären kommunistischen Überwachungsdiktatur China. Die dortigen Smart Cities bauen die Level-5-Ideologie zum Gesellschaftsmodell aus.

Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

Mehr erfahren

Mit der versuchsweisen Robotisierung des Verkehrs, die dank dem branchenfreundlichen Aktivismus des unseligen ehemaligen Verkehrsministers Dobrindt auch auf bayerischen Autobahnen stattfindet, wird die Stadt zur Hochrisiko-Teststrecke für private Konzerne und deren kommerzielle Interessen. Der Tod einer Frau in Arizona offenbart den Zynismus einer Strategie, die kommerzielle Interessen von privaten Konzernen als Interesse der Allgemeinheit an sicheren und sauberen Städten zu camouflieren. Elaine Herzberg führte mustergültig und ohne jeden halbgaren technologischen Firlefanz vor, wie eine wirkliche „ökologische Verkehrswende“ aussieht: Sie fuhr mit dem Fahrrad nach Hause.

Sie wurde dabei von einem selbstlenkenden, zwei Tonnen schweren, hochbauenden Roboter-SUV überrollt, das in den Augen zahlreicher Politiker und Konzerne ein wesentlicher Baustein der Smart City der Zukunft ist. Ihre Überlebenschancen wären deutlich höher gewesen, wäre sie mit einem flacheren, leichteren Wagen zusammengestoßen. Der Komfort und die Sicherheit, die die Propagandisten des autonomen Fahrens versprechen, ist die Sicherheit derjenigen, die im SUV sitzen. Die weniger Privilegierten draußen haben unter Umständen Pech. Die Technophorie offenbart hier ihre asozialste Seite. Man kann nur hoffen, dass die Öffentlichkeit und diejenigen, die eigentlich zur Vertretung von deren Interessen gewählt wurden, erkennen, welches Spiel mit ihnen gespielt wird.

Weitere Themen

Helden in Jogginghosen

„Don Quijote“ in Berlin : Helden in Jogginghosen

Zen Quijote von der Mancha: Ulrich Matthes und Wolfram Koch sind Don Quijote und Sancho Panza in Jan Bosses Adaption des Klassikers von Cervantes’ am Deutschen Theater in Berlin.

Der Geruch von toter Großmutter Video-Seite öffnen

Buchmessen-Gastland Norwegen : Der Geruch von toter Großmutter

Norwegen ist das Gastland der Buchmesse 2019. Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck hat sich im Pavillon umgesehen und ein Land kennengelernt, das stolz auf seine Lesekultur ist. Nur auf Schweden sollte man die Norweger nicht ansprechen.

Topmeldungen

Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.