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Schweizer Minarett-Verbot : Mehr Zurückhaltung!

Stiller Protest in Bern gegen das Minarett-Verbot Bild: dpa

Ist die Schweiz nach dem Votum für ein Minarett-Verbot der Brandstifter der Religionen und neue Bösewicht in der heilen Welt? Unser Genfer Korrespondent Jürg Altwegg erklärt, warum er sich gegen seine eigene Mutter stellte - und sich der Stimme enthielt.

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          Wenn das meine Mutter wüsste! Sie lebt im Altersheim und gibt noch immer meist sehr dankbaren und integrationswilligen Asylanten, welche die Caritas zu ihr schickt, umsonst Deutschunterricht. Mit dem Leben und dem Sterben ist sie versöhnt – aber das Verbot der Minarette lässt sie abermals an Gott und der Schweiz verzweifeln. Am Sonntagnachmittag, als die Katastrophe feststand, habe ich es ihr am Telefon etwas mutlos zu erklären versucht: Ganz so schlimm ist es auch wieder nicht, die Muslime können beten, sie haben ihre Gebetsräume und Moscheen und an vielen Orten inzwischen auch ihre Friedhöfe. Die Schweiz wird nicht den Krieg der Religionen neu anzetteln.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Meine Tante war, wenn ich mich recht erinnere, die erste Pfarrerin im Kanton Zürich und ist eine aufgeklärte Protestantin geblieben. Mit dieser Heldin des Kampfes gegen die Apartheid in Südafrika werde ich mich an Weihnachten aussprechen müssen. Eine Nichte ist in Nepal und länger schon dem Buddhismus näher als der Ökumene der Eltern: Um meine Schwester heiraten zu können, musste ihr Vater erst seinen katholischen Orden verlassen. Unsere Familie ist fast so weltoffen, tolerant und friedlich wie der Landsmann Hans Küng, den ich einst für das Magazin dieser Zeitung interviewte. Am Montag hat er mir in einem Interview im „Tages-Anzeiger“ heftig ins Gewissen geredet: „Natürlich gilt bei uns die Devise, dass der Souverän entscheidet. Aber der Souverän kann auch falsch entscheiden.“ Das Schweizer Volk ist so fehlbar wie der Papst. Eine fast schon alttestamentarische Drohung sprach der Schweizer Theologe in Deutschland aus: „Das wird die Schweiz noch teuer zu stehen kommen.“

          Wie konnte mir das passieren?

          Mit meiner Mutter, der reformierten Tante und Hans Küng im Clinch? Der sagt, dass das Verbot von Minaretten schlimmer sei als das Verbot des Kopftuchs? Wie konnte mir das nur passieren? Die französische Presseschau, die ich bei der Fahrt ins Büro höre, war ein einziges Plädoyer der Anklage. Der zweite Anruf im Büro kam vom schwedischen Rundfunk, Interview um 14 Uhr. Die Schweizerische Volkspartei bei dreißig Prozent, Bankgeheimnis und Gaddafi, der von den Vereinten Nationen die Auflösung des Landes verlangt – ist das jetzt endlich der Höhepunkt? Die Schweiz nach George W. Bush nun auch noch der Brandstifter der Religionen und neue Bösewicht in dieser heilen Welt?

          Als Schweizer Bürger stimmt man über vieles ab. Auch über Dinge, von denen man nichts versteht. Über Wasserversorgung, Krankenversicherung, Bahnhofsumbauten, Rauchverbote und Autosteuer. Ich habe im November das Genfer Parlament mitgewählt und zwei Wochen später meine persönliche Koalition – einen Grünen, einen Schwarzen und eine Rote – in die Regierung geschickt. Worüber alles ich am Sonntag entscheiden musste, weiß ich nicht mehr ganz genau. Immerhin das: Ich war für den Bau einer S-Bahn in Genf. Auch zum Straßentunnel in Vésénaz sagte ich entschieden ja. Eine der wenigen Stimmen für ein Waffenausfuhrverbot war meine.

          Keine Affinitäten zu Blocher

          Am besten war ich zweifellos über die Initiative von Minaretten informiert. Ich habe mir Sendungen angeschaut und Artikel gelesen. Ich habe über das Minarett in Rheinfelden geschrieben, an dem plötzlich Lautsprecher montiert wurden, mit denen aus Deutschland die Gläubigen in der Schweiz zum Gebet aufgefordert wurden. Und über den Irrgang der Schweiz, die von Gaddafi gedemütigt wird. Kein Leser wird mir unterstellen, ich hätte irgendwelche Affinitäten zur Schweizerischen Volkspartei und Christoph Blocher. Ihr Bild der Schweiz entspricht nicht meinen Vorstellungen. Im Übrigen befürworte ich ein Verbot der Burka wie des rituellen Schlachtens, das Verbot für das Tragen des Kopftuchs in der laizistischen französischen Republik leuchtet mir sehr wohl ein.

          Aber ein Verbot der Minarette? Verfassungsrechtlich wird es kaum durchsetzbar sein, ein Rekurs in Straßburg könnte es aufheben. Es geht auch nur beschränkt darum, dass dieses idiotische Ansinnen eine reine Provokation zur Profilierung der SVP war, die in letzter Zeit vornehmlich Niederlagen hinnehmen musste. Ich hätte ihr gern eine weitere Ohrfeige verpasst. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass es keine vom Volk abgesegnete permanente und pauschale Baubewilligung braucht. In diesen Zeiten der religiösen Spannungen darf man von Minderheiten in der Fremde eine gewisse Zurückhaltung erwarten. Sie sollten als Zeichen ihrer Integration und aus Sorgen um den innenpolitischen Frieden ihrer neuen Heimat freiwillig auf den Bau von Minaretten verzichten.

          Deshalb habe ich meinen Stimmzettel unausgefüllt zurückgeschickt. Den Kindern habe ich das zu erklären versucht. Jetzt muss ich es nur noch meiner Mutter sagen, damit sie es nicht aus der Zeitung erfährt.

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