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Energie sparen : Die Schweiz zieht den Stecker

  • -Aktualisiert am

Seewasser als Energiequelle für den Spa-Bereich: Außenpool des Hotel Beatus in Merligen in der Schweiz. Bild: BEATUS Wellness- & Spa-Hotel

Diskobeleuchtung und Laubbläser sind erst der Anfang: Die Schweiz dreht allem möglichen den Saft ab. Sie hat einen Schlachtplan inmitten kriegerischer Bedrohung.

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          Wenn man in diesen Tagen durch die Schweiz fährt, kommt einem auch schon mal ein Panzer entgegen. Auf Autobahn-Raststätten machen Lastwagen der Armee halt. Unter dem Decknamen „Pilum 22“ üben vier „mechanisierte Bataillone“ und eine Kompanie der Gebirgsinfanterie fleißig „Standardverfahren und Einsätze gegen bewaffnete Gruppen“. Auch die Soldaten einer auf elektronische Kriegsführung spezialisierten Einheit haben den Marschbefehl bekommen.

          Die Manöver der Schweizer Armee sind die aufwendigsten seit dem Ende des Kalten Kriegs. 1989, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer, hatte die Schweiz den Beginn des Zweiten Weltkriegs fünfzig Jahre zuvor zelebriert – von dem sie verschont geblieben war. Wäre es damals zum Ernstfall eines deutschen Angriffs gekommen, hätten sich die Eidgenossen in ihr „Réduit“ zurückgezogen und den Feind aus den unterirdischen Bunkern in den Bergen heraus angegriffen.

          Land und Leute schützen

          Jetzt ist eine neue Strategie gefragt, um „Land und Leute auch am Boden verteidigen zu können“, begründet die Armeeleitung ihre Manöver. Putins Überfall auf die Ukraine hat die Versorgung mit Gas, Erdöl und Strom zu einem Problem gemacht. Er beflügelt die Debatten um die Neutralität und das helvetische Igeldenken der Abschottung. Die Schweiz, in der kaum noch ein Fußballstadion gebaut werden kann, plant gigantische Solaranlagen über den Wolken. In Grengiols, wo im Tal während Wochen die Sonne nicht scheint, sollen quadratkilometerweise Panels aufgestellt werden. Heimat- und Landschaftsschutz werden gelockert, um die Schweiz zum Selbstversorger aus dem Himmel zu machen. Auch sie hat jetzt eine Utopie. Doch bis zu ihrer Verwirklichung probt die Regierung den Ernstfall. Generalstabsmäßig bereitet sie die Bevölkerung auf ihn vor.

          Zum Auftakt der militärischen Manöver hat sie ihren Schlachtplan veröffentlicht. Er besteht aus vier Stufen. Die ersten Verbote werden die Laubbläser und Sitzheizungen auf den Sesselbahnen betreffen. Die Temperaturen müssen gesenkt werden, die Hotels ihre Minibars schließen. In weiteren Schritten – den vier „Eskalationsstufen“ – wird die Ambiance in Diskotheken (Lichtintensität, Nebelschleudern) geregelt, bis zum Verbot von Netflix in HD.

          Während der Pandemie hatte die Regierung äußerst erfolgreich an Gehorsam und Eigenverantwortung appelliert, aber auch Polizeikontrollen durchgeführt. Den Ernstfall Blackout halten die Experten für eher unwahrscheinlich, denn die Gasspeicher und Stauseen sind gefüllt. Der bürokratische Maßnahmenkatalog, der sich auf den ersten Blick wie die plumpe Gebrauchsanweisung für eine Öko-Diktatur liest, ist wohl eher als langfristiger Beitrag der geistigen Landesverteidigung zu den militärischen Planspielen der Armee zu verstehen. Auf dem Gelände gehen sie an diesem Dienstag zu Ende. Angerichtete Schäden werden „grundsätzlich entschädigt“, verspricht die Regierung. Über die aktuellen Verkehrsstörungen durch Panzer informiert eine Hotline.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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