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Streitfall Schweiz : Die bestorganisierte Anarchie des Abendlandes

  • -Aktualisiert am

Land der erdverbundenen Hornmänner? Bild: dpa

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss liegt mit seinem Abgesang daneben. Die Schweiz ist kein vom Wahnsinn befallener Zwergenstaat, sondern eine immer noch zukunftsweisende, echte Demokratie. Ein Gastbeitrag.

          Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss irrt. Die Schweiz ist kein Land des „Wahnsinns“. Sie wird auch nicht von „Zwergen“ bevölkert. Es ist hochmütiger Unfug zu behaupten, dass in dieser jahrhundertealten Demokratie, die seit fünfhundert Jahren keinen Krieg mehr angefangen hat, ein „frecher Populismus“ den Ton angibt, der „mit Nazisymbolen Werbung macht“. Würde Bärfuss seine eigenen Unterstellungen glauben, nähme er von diesem finsteren Staat kaum Subventionen an.

          Die Schweiz ist ein interessantes Land: Von Natur aus arm, ohne Bodenschätze, hat sie sich im Lauf der Jahrhunderte einen bemerkenswerten Wohlstand erarbeitet. Noch Friedrich Engels glaubte im vorletzten Jahrhundert, ähnlich wie Bärfuss, die Alpendemokratie werde als ökonomische und geistige Wüste enden. Nachhaltig traumatisiert von „Hornmännern“ und „Klauenmännern“, die der Fabrikantensohn 1847 bei einem Besuch im Bergler-Kanton Uri anlässlich eines Dorffests erblickte, war Engels außerstande, die Qualitäten der Eidgenossenschaft zu erkennen. Wie man weiß, blieb es nicht das einzige Fehlurteil in der Laufbahn des berühmten Kommunisten.

          Die Schweiz ist die bestorganisierte Anarchie des Abendlandes. Sie hat ein politisches System, das die wenigsten verstehen. Vor allem im benachbarten Ausland geistern merkwürdige Vorstellungen herum. Pointe und Perle unserer Staatsform ist der Umstand, dass am Ende die Bürgerinnen und Bürger in der direkten Demokratie das Sagen haben. Die Politik entzieht sich der von oben gesteuerten Planung angeblich erleuchteter Eliten.

          In der Wirtschaft ist der Kunde König. In der direkten Demokratie ist der Bürger der Chef. Direkte Demokratie heißt: Die Politiker müssen immer mit dem Misstrauen des Souveräns rechnen. Die vermeintlich genialen Ideen der Obrigkeit können stets am Einspruch durch die Basis scheitern. Dieses System unmittelbarer Entscheidungsgewalt bringt den Bürgern Freiheit und Macht, für die Politiker ist es ein Gefängnis. Sie werden mit Referenden und Initiativen an der kurzen Leine gehalten. Kein Wunder, dass auch in der Schweiz von oben gelegentlich der Ruf nach einer Einschränkung der Volksrechte erschallt. Die Politiker wollen sich den mühsamen Chef vom Leib halten.

          Konkretheit der Staatsform löst Gefühle der Beengung aus

          Unter Schweizer Intellektuellen und Schriftstellern ist das „Unbehagen am Kleinstaat“ (Karl Schmid) besonders ausgeprägt. Der Intellektuelle, wer will es ihm verargen, ist naturgemäß fasziniert von großen Ideen und großen Theorien. Der Geistesmensch pflegt als deren Urheber ein erotisches Verhältnis zu geistigen Konstrukten. Seine Empfänglichkeit für Ideologien und hochtrabende Programme hat hier ihren Grund.

          Lukas Bärfuss bei der Bamberger Poetikprofessur 2015.

          Diese Haltung freilich kollidiert in der Schweiz regelmäßig mit dem Hartbeton der Wirklichkeit. Die Schweizerinnen und Schweizer sind in ihrer Eigenschaft als Stimmbürger ausgesprochen bodenständig, neudeutsch: pragmatisch, also visionsskeptisch. Sie wittern hinter großen Würfen große Anmaßungen. Staatliche Macht ist ihnen unheimlich. Sie muss daher direktdemokratisch stets aufs Neue gehegt, gezähmt, zertrümmert werden.

          An diesen Sachverhalten leidet Lukas Bärfuss. Die poesiefreie Konkretheit ihrer Staatsform löst bei ihm Gefühle der Beengung aus. Er möchte eine Schweiz, die auf den internationalen Bühnen „wieder mehr zu sagen“ habe. „Gefühle der Ohnmacht“ befallen den Dichter, weil seine Schweiz nicht mittanzt im Konzert der Großen. Am meisten aber irritiert ihn, dass die Mehrzahl seiner Landsleute politisch anders tickt als er.

          Andersdenkende treten als Hinterwäldler auf

          Bärfuss will die Schweiz mit dem Überstaat EU verschmelzen. Die nationale Selbstauflösung soll den Weg zu einer höheren humanistischen Gesinnung ebnen. Er ist für die schrankenlose Aufnahme von Migranten aus der Dritten Welt. In der sozialen Schweizer Marktwirtschaft sieht er Kräfte der Ausbeutung am Werk. Die direkte Demokratie ist ihm Brutstätte eines immer frecheren Populismus, dem das von Milliardären ferngesteuerte Zwergenvolk in dumpfer politischer „Umnachtung“ huldigt.

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