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Schwarzgeldaffären : Das Spielgeldsystem

  • -Aktualisiert am

Uli Hoeneß ist kein Einzelfall Bild: dpa

Die Fälle Uli Hoeneß und Jérôme Cahuzac erschüttern Europa. Doch die beiden sind keine Einzeltäter. Das Problem ist ein prinzipielles: Das System ist unfair.

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          Im vergangenen Dezember empfing der französische Staatspräsident François Hollande seinen Haushaltsminister Jérôme Cahuzac zu einem Vieraugengespräch im Elyséepalast.

          Ort und Format waren mit Bedacht gewählt. Die Szene sollte sich unter größtmöglicher Dramatik abspielen, ganz an der Spitze des Staates, wo die Republik sich selbst transzendiert und als Monarchie auf Zeit erscheint. Hollande war unter Zugzwang: Die Hinweise, dass sein für die Bekämpfung der Steuerflucht zuständiger Minister, der oberste Steuerfahnder der Republik, selbst ein dickes Konto im Ausland hatte, ließen sich nicht mehr ignorieren. Er blickte ihm also tief in die Augen und fragte direkt. Der erklärte, er habe kein solches Konto. Feierliche Verabschiedung.

          Befreite Geldmassen

          Doch natürlich spielten beide bei dieser Begegnung noch eine andere Rolle: Der Präsident schützte sich vor dem Fallout des da schon zu erwartenden Skandals, er bot dem Minister also eine Gelegenheit, sein Schicksal noch kräftiger, nämlich mit dem Gold der Republik zu besiegeln, um ihn danach umso dramatischer verwünschen zu können. Und Cahuzac nutzte die Begegnung, um den Einsatz zu erhöhen: Er ahnte da schon, dass er untergehen würde im Skandal um sein Schwarzgeld, doch die Konfrontation mit dem höchsten Repräsentanten des Staates würde, wenn es ihm gelänge, auch dort standzuhalten, weiter erfolgreich zu bluffen, auch den Geblufften beschädigen.

          In dieser Begegnung eines Regierungschefs mit seinem Ressortleiter spielten beide also noch eine ganz andere Rolle. Der Riss ging durch die Subjekte wie durch das ganze Land. Er hat System: Die seit Jahrzehnten befreiten und bei Bedarf spontan neu erzeugten Geldmassen, die mal innerhalb des nationalstaatlich legalen Rahmens wohnen, mal aber auch nicht, gehören ebenso zur Spielaufstellung unserer Gegenwart wie der immense staatliche Refinanzierungsbedarf. Der Staat sollte schwach sein, seine Grenzen porös, damit das Geld sich freier bewegen und vermehren kann, und in diesem schwachen Staat sollte es guten Spielern gutgehen.

          Lämmer und Wölfe

          Darum ist es so ermüdend, die Fälle Cahuzac und Hoeneß, die uns gerade die Luft rauben, diese Volltreffer auf den sozialen Solarplexus, mittels einer improvisierten Psychoanalyse aus der Ferne zu deuten. Der tiefe Blick ins Auge nutzt hier nichts. Das waren doch keine spontanen Ausbrüche krimineller Energie, beide Herren sind Symbole, die erfolgreichen Agenten eines hochtourigen Systems. Darum ist im Fall Hoeneß auch der Begriff des „Spielgelds“ so irreführend - der Begriff hat, bei einem Betrag, der viel höher ist als jede Summe, welche die meisten Deutschen in ihrem Leben verdienen werden, gute Chancen auf das Unwort des Jahres.

          Geld in der Schweiz oder anderen Steueroasen: In jüngster Zeit werden immer mehr prominente Fälle bekannt

          Er wollte nur spielen - das ist als Erklärung das Gegenteil von Aufklärung. Denn das Spiel ist längst unser System. Über 600 Milliarden Euro sollen in den vergangenen Jahrzehnten in Frankreich an Steuern hinterzogen worden sein: Ganze Bankinstitute hatten das als ihre Kernkompetenz ausgewiesen. Cahuzac hat ja das Geld nicht neu erfunden, er nutzte ein bekanntes und beliebtes Modell. Ihn und Hoeneß zeichnet lediglich aus, dass sie außer nach Geld noch nach symbolischem Kapital strebten; so findet sich die systemische Schizophrenie in ihnen besonders konzentriert wieder. Aber die Rettung privater Pleitebanken mit öffentlichen Mitteln war im Prinzip nichts anderes: Das Spiel musste weitergehen, egal um welchen Preis. Auch hier wenden manche ein: War doch alles bloß Spielgeld, die Europäische Zentralbank hat das Geld eh nicht, mit dem sie die Staaten stützt, damit die ihre Banken stützen können. Aber ganz haben die Dadaisten noch nicht gesiegt, leider. Am Ende der Kette stehen private Sparguthaben, Löhne und Gehälter derer, die für die Verbindlichkeiten haften, die bei Spielen aufgelaufen sind, von denen sie nichts hatten, weder den Spaß noch den Gewinn.

          Der Staat, der sich nun so effektvoll von den bösen Sündern abwendet, kann nicht viel tun. Hollande wurde durch Cahuzac beschädigt, aber auch durch die Abwanderung eines Gérard Depardieu. Was will man gegen den machen? Behaupten, er gehöre nicht mehr dazu? Ebenso könnte man alle gallischen Hähne ausbürgern. Will man Hoeneß als Einzeltäter hinstellen? Die Leute werden lachen. Was, wenn er auf Attacke wechselt und erklärt, er habe kein Vertrauen mehr in Staat und Steuern, nicht in den Euro und nicht in die Bundesregierung? Glauben die Leute ihm oder Markus Söder? Es wackeln beide Seiten in diesem Ringkampf vor dem Grand Canyon. Das kann noch eine ganze Weile so gehen. Oder auch nicht.

          Der einstige EU-Korruptionsbekämpfer und Buchautor Wolfgang Hetzer warnt in seinem neuesten, im Westend Verlag erschienenen Buch „Finanzkrieg“ vor einer brandgefährlichen Entwicklung: Die europäischen Bürger könnten begreifen, dass das Spiel unfair ist. Noch, erklärt er in einem Interview mit der „Welt“, sei es einigermaßen ruhig. Doch was, „wenn die Menschen begreifen, unter welchen Umständen ihnen zugemutet wird, harte und ehrliche Arbeit zu leisten, die es ihnen aber allzu oft noch nicht einmal ermöglicht, ein halbwegs unbeschwertes Dasein zu fristen“? Wenn sie also kapieren, dass es ihr Geld ist, mit dem ein verschachteltes System aus schwachen Nationalstaaten und starken Firmen, aus armen Gemeinden und Regionen und reichen Spielern unterhalten wird? Sie könnten begreifen, dass Leistung und Lohn längst entkoppelt wurden, dass „Gerechtigkeit zum hohlen Pathos verkommen“ ist und dass die Demokratie abgelöst wurde durch ein Computerspiel, das alle abzockt. Dann, schreibt Hetzer, ist auch der Frieden nicht mehr sicher: „Die europäische Geschichte zeigt, wie schnell sich Lämmer in reißende Wölfe verwandeln.“

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