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Schwan-Debatte : Singt keinen Schmuddel!

„Funkstille ist keine politische Option”: Hans Mommsen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Unterstützung für Gesine Schwan: Der Historiker Hans Mommsen bestreitet „ein Bedrohungspotential der heutigen Linken für die Stabilität der Republik“. Wer das nahelege, betreibe „Propaganda aus der Zeit des Kalten Krieges“.

          Erkennen Sie die Melodie? „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder. Geh doch in die Oberstadt, mach’s wie deine Brüder!“ Summ, summ, summ: Richtig, Sie haben die Melodie erkannt. Der Ohrwurm des Liedermachers Franz Josef Degenhardt von anno 1965 ist die politische Leitmelodie des Jahres 2008.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Deutschland ist auf dem besten Wege, Politik nach Art von Bänkelsängern zu treiben. Apolitischer geht’s nimmer. Politiker, Publizisten und Talkshow-Moderatoren summen vor der Kulisse einer stetig erstarkende Linkspartei im Chor: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!“. In der politischen Rechnung sollen die Linken als Schmuddelkinder auftauchen, als nichts bitte sonst.

          Es ist diese Sprachlosigkeit, diese Verweigerung des politischen Arguments, die die Linken in Ermangelung einer reflexiven Rückkopplung immer stärker macht und den demokratietheoretischen Anspruch der Bänkelsänger bis auf die Knochen blamiert. Denn wer sprachlos bleibt, verkennt, dass es genügend Empirie gibt, an die die Linke anknüpfen kann. Von der Präpotenz in der ökonomischen Elite (Nokia, Telecom) bis zur fahrlässigen Auszehrung des bürgerlichen Mittelstands (Elternschaft als Armutsrisiko) – man braucht ja eigentlich nur aus der Zeitung vorzulesen, um den „Rattenfängern“ (wie es im Lied heißt) Zulauf zu verschaffen. Da reicht es nicht, vor sich hin zu summen. Da muss gestritten werden. Da muss erklärt und unterschieden werden: Ursache und Wirkung, Propaganda und Analyse. Nur so lässt sich verhindern, dass es voll wird im von Degenhardt warnend besungenen „Kaninchenstall“.

          Hysterische Reaktionen

          Was aber geschieht statt dessen? Symptomatisch neulich die hysterischen Reaktionen, als sich ein paar Hinterbänkler von SPD und Linkspartei in einer Berliner Kneipe an einen Tisch setzten. Ganz Deutschland schien für einen Moment die Ohren zu spitzen, um die rot-roten Flöhe husten zu hören. Es hieß, die Kneipenrunde setze das falsche Signal. Das Willy-Brandt-Haus müsse berichtigen. Vergeblich bettelte der Abgeordneten Karl Lauterbach um ein Ende der Hysterie: Es dürfe keinen Neuigkeitswert mehr haben, „wenn ich mich mal mit Oskar Lafontaine im Aufzug unterhalte“. Denkste! Geh doch in die Oberstadt, schallte es dem Lauterbach entgegen, mach’s wie deine Brüder. Doch Lauterbach, mit Fliege um den Hals der Schmuddel-Melodie folgend, „schlich immer wieder durch das Aufzugstor in die Kaninchenställe, wo man, wenn der Regen rauschte, Engelbert, dem Blöden, lauschte, der auf einem Haarkamm biss, Rattenfängerlieder blies“ (Liedermacher Degenhardt, 1965, 2008).

          Schluss mit dem Schmuddelkinderlied als Politikersatz, fordert der Historiker Hans Mommsen im Gespräch mit dieser Zeitung. Als Historiker der Weimarer Zeit bestreitet er „ein Bedrohungspotential der heutigen Linken für die Stabilität der Republik“. Wer das nahelege, betreibe „Propaganda aus der Zeit des Kalten Krieges“. Mommsen beobachtet eine „merkwürdige antikommunistische Hysterie, die mit der praktischen Situation wenig zu tun hat“. Er erklärt sie mit „unverdauter Geschichte, das heißt mit dem noch immer nachwirkenden Wunsch, die Wiedervereinigung zu haben, ohne die ehemaligen Kommunisten oder die Nochkommunisten als Teil der deutschen Bevölkerung und Wähler zu begreifen“.

          Form der Wirklichkeitsverweigerung

          Die Schmuddelkind-Fiktion ist in dieser Sicht eine Form der Wirklichkeitsverweigerung, welche sich die Polis nur als Oberstadt vorstellen kann und den Rest zum Kanichenstall erklärt, in dem die Rattenfänger aufspielen. Rattenfänger hin oder her: Man muss ja ihre Lieder gar nicht mitsingen, um sich mit ihnen ins politische Benehmen zu setzen. Fest steht für den Historiker jedenfalls dies: Wer die Anhänger der Linkspartei für politische Gastarbeiter hält, die man bei nächster Gelegenheit wieder aus dem Lande werfen kann, der hat sich in den Finger geschnitten. „Funkstille ist keine politische Option“, so Mommsen. „Wir werden in einem demokratischen parlamentarischen System sowohl mit Parteien der äußersten Rechten wie mit der Linkspartei auskommen müssen.“

          Und auskommen heiße: politisch-argumentative Auseinandersetzung statt Verteufelung. Hier habe zuletzt Gesine Schwan mit ihrer tabufreien, aber kritischen Haltung gegenüber den Linken Maßstäbe gesetzt. Mommsen hält es demokratietheoretisch für abwegig, „wenn sich die SPD die Verantwortlichkeit für die Existenz der Linkspartei aufzwingen lässt“. Alle Parteien seien dafür verantwortlich, hier jenseits von Hysterie und Verdruckstheit eine politische Vorwärts-Strategie zu entwickeln.

          Das Bedrückende an der gegenwärtigen Situation ist doch dies: dass einer wie Hans Mommsen in die undankbare Rolle des Saubermanns gerät, nur weil er die politische Rede nicht den Bänkelsängern überlassen will. Nur weil er das Schmuddelkinderlied ausknipsen möchte, das in den Lautsprechern unserer Parlamente und Rundfunksender dudelt.

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