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Schwaben in der Krise : Ein Land im Schleudertrauma

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Als Autos noch keine Schleudern waren: Daimler-Chef Zetsche und Ministerpräsident Oettinger in einer Motorkutsche des Jahres 1886 Bild: picture-alliance/ dpa

Porsche unter niedersächsischer Kuratel, Mercedes am Gängelband der Scheichs, Bierdeckel gibt's bald auch keine mehr: Baden-Württemberg, einst Insel der Seligen, im Krisentheater.

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          Also, man stelle sich einmal vor: einen Spätsommertag. An dem die Luft förmlich steht. Die Schwüle drückt. Jede Bewegung strengt an. Ein ungeheurer Druck liegt über Land und Leuten. Überm Stuttgarter Talkessel kocht bleiern eine gnadenlose Sonne. Der Ministerpräsident träumt von Amigo-Yachten im Mittelmeer. Das Theater taumelt in Krisen und schiebt riesige Schuldenbugwellen vor sich her. Weder der Generalintendant noch die Regierung weiß, wie es weitergehen soll - vor wie hinter der Rampe. Trübe schwitzdampfende Szene allüberall. Die Wirtschaft stottert. Die schwäbische Gesellschaft döst ermattet vor sich hin. Hie und da noch umnebelt vom Katzenjammer, der vom schnellen Schnäpplesrausch übrig blieb, mit dem Remstal-Zahnärzte, Neckartal-Wirte und Ostalb-Handwerker glaubten, im wilden, frisch deutschvereinigten Osten fette Dividenden abzugreifen, aber massenhaft auf leerstehenbleibenden Abschreibungsimmobilien sitzenbleiben. „S'isch a recht's G'lomp“, so die allgemeine Klage. Was übersetzt heißt: Schlimmer kann es ja nicht mehr kommen. Es wurde besser.

          Denn auf einmal drang eine Stimme wie aus Himmelshöhen, ein riesiger, zwar ätherischer, aber doch energischer Zeigefinger schien durch die gewitterklebrige Wolkendecke zu stoßen und auf einen kleinen, noch jungen Mann (knapp vierzig) aus Ahlen in Westfalen zu deuten, bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt, die nur von einem etwas merkwürdigen Schnauzbart verunziert ward. Und der Herr sprach: „Auf, salbe ihn, er ist's.“

          Und, was tut Gott?

          Und so, wie im 1. Buch Samuel im Alten Testament der „Geist des Herrn über David geriet“, und der kleine David, der bis dato nur Schafe vor sich her und unschuldige Knabenspiele getrieben hatte, ein Segen Israels wurde, der mit einer Schleuder und einem Stein den Riesen Goliath, sozusagen den Obergrasdackel der Philister, niederstreckte und seinen Fuß mit der selbstgebastelten Wüstensandale auf dessen mit allem Hightech-Schnickschnack bewehrtes Haupt setzte - so ungefähr geriet der göttliche Geist Württembergs über Wendelin Wiedeking, der bis dahin irgendwo im großen Vaterland irgendwelche Marketing-Schafe gehütet, alte Traktoren und neue Spielzeugautos gesammelt hatte, und machte ihn im Spätsommer 1992 nicht nur zum Chef von Porsche, einer Firma, die wie das ganze Land darniederlag, sondern irgendwie zum heimlichen König des Ganzen.

          Als Wiedeking noch ein David war: 1996 am Steuer eines neuen Modells

          Und, was tut Gott? Wiedeking fühlte sich bis heute, besser: bis vor kurzem als Reinkarnation des biblischen David. Dem Manne, der die schwäbische Firma Porsche mit rabiaten japanischen Fertigungsmethoden wieder hochbrachte und rettete, widmeten Geistes-, Medien-, Sport- und Politikgrößen von Martin Walser bis Enzensberger, von Rezzo Schlauch bis Felix Huby, von Stefanie Graf bis Lothar Späth zum Fünfzigsten eine Festschrift, die sie „Das Davidprinzip“ übertitelten. Darin wurde gepriesen, wie der Kleine die Großen besiegt. Das war 2002. Und Wiedeking, der Königsbub David, warf daraufhin einen Übernahmestein nach dem anderen gegen den riesigen Goliath VW und erfand Geldschleudern die Menge. Und hätte diesen Großen beinahe besiegt. Und das Land dampfte vor Glück und genoss den „Beischlaf der Prosperität“, wie es Wiedekings genialer Pressesprecher Anton Hunger auszudrücken die Gnade hatte. So dass man sich gleichsam Stuttgart-Zuffenhausen, den Porsche-Firmensitz, als Superliebesdienerin vorstellen muss, die es mit allen treibt, die sie bezahlen kann. Und die hätte das Ländle und womöglich die ganze deutsche Autorepublik so gut wie im Negligétäschle gehabt.

          Immer schon ein Goliath

          Das ist vorbei. Das Negligétäschle ist leer. Die aufregenden Spätsommertage sind Vergangenheit. Jetzt sind die heißkalten Frühlingstage. Der „Beischlaf der Prosperität“ ist ziemlich unsanft interrumpiert. Porsche geht in VW auf - und wohl auch unter, was immer auch schönrednerische Verlautbarungen anderes vorgaukeln mögen. Der neben der größtdramatischen Literatur (Schiller!) zweite große Königsschatz und -stolz des schwäbischen Landes, Porsche - das Auto, das man nicht hat, von dem man nur träumt, und das man, wenn man es hat, als Schwabe nicht zeigt, damit es nicht den Neid der Träumer errege -, wird nach Niedersachsen, einem Land, das unendlich viel später als Württemberg aller Kultur und Zivilisation teilhaftig ward, verscherbelt. Aus Not. Verschuldet von einem David, der nicht David blieb, sondern offenbar größenwahnsinnig wurde und dessen Geldgenerierungsmaschinerie ihm nun Milliarden von Schulden ausspuckt.

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