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Schulzeitverkürzung : Die Reform der Reform

Wie soll es weitergehen? Die Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre war, salopp gesagt, nicht wirklich der Bringer Bild: dpa

Eine jede Schule so, wie sie will: Die gymnasiale Schulzeitverkürzung ist, kaum eingeführt, schon wieder zur Disposition gestellt worden. Das nennt man hierzulande Bildungspolitik. Kommt die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium?

          Schüler haben eine Lobby, die sich Elternvertreter nennt. Sie ist der natürliche Feind der Kultusbürokratie, stets darauf zurückgeworfen, ihre Unzufriedenheit mit den Erfindungen der Schulpolitik nachzureichen. Denn die Politik hat sich daran gewöhnt, dass auf diesem lästigen Feld kein Blumentopf zu gewinnen ist, entsprechend nonchalant bis schnoddrig geht sie damit um. So auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier. Er hat mit seinem nebenhin geäußerten Satz, man wolle den Gymnasien die Entscheidungsfreiheit einräumen, ob sie in acht oder neun Jahren zum Abitur führen, eine Debatte wiederbeatmet, die in der Öffentlichkeit schon entschlafen schien.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Seitdem summt es im Bienenkorb. Dabei hat Bouffier doch nur gesagt, was mit Ausnahme der Unternehmerlobby eine Mehrheit im Lande denkt - dass die gymnasiale Schulzeitverkürzung auf acht Jahre, salopp gesagt, nicht der wirkliche Bringer war. Das sieht die neue hessische Kultusministerin Nicola Beer ganz anders; sie will demnächst mit einem Optimierungskonzept für das G 8 aufwarten.

          Klar, dass Berlin gut abschneidet

          Das Thema Turbo-Abitur beschäftigt die betroffenen Gemüter seit seiner Einführung im Schuljahr 2004/05; der letzte G-9-Jahrgang wird in Hessen 2014 Abitur machen. Die hiesigen Volten sind kein Einzelfall. Mit Ausnahme der neuen Bundesländer, die an die achtjährige Gymnasialzeit gewöhnt waren, tun sich die alten Länder mit dem G 8 schwer. Ausnahme ist Rheinland-Pfalz, das sich der Reform insgesamt verschlossen hat. In den südlichen Bundesländern wurde vielerorts auch mit den Füßen abgestimmt: wenn schon G 8 gleich Ganztagsschule, dann gleich in einem Internat, wo wenigstens die Betreuung stimmt.

          Auch in Hessen sind mittlerweile viele Kooperative Gesamtschulen wieder zur neunjährigen Laufzeit zurückgekehrt. Dabei gibt es aus dem Osten doch offizielle Hoffnungssignale: In Berlin hat soeben der erste Abiturjahrgang mit zwölfjähriger Schulzeit besser abgeschnitten als der mit dreizehn Jahren. Dass es an diesem Ergebnis auch ein politisches Interesse gab, darauf hätte man wetten mögen.

          Mit siebzehn fehlt die Lerntechnik noch

          Kaum mühsam eingeführt, kommt nun also die Reform der Reform? Die Schikanierten in diesem kurzatmigen Hüh-Hott, das sich immer noch hochtrabend „Bildungspolitik“ nennt, sind neben den Schülern und Eltern wieder einmal die Lehrer. Denn die „Freiheit“, die hier verkauft wird, ist ein abgelutschtes Bonbon: Wer entscheidet denn? Die Schulleitung? Die Schulgemeinschaft? „Freiheit“ für die Schulen vollzieht sich hier nur noch auf der Ebene der Ökonomisierung. So, wie viele Geistliche heute Pastoralmanager sind, muss ein Schulleiter neben seiner fachlichen und pädagogischen Kompetenz Management-Fähigkeiten haben, um im Wettbewerb der Schulen bestehen zu können. Staat oder Markt, Beamte oder Wanderarbeiter? Die Angelegenheit offenbart spätestens dann das Dilemma, wenn politisch sich links verortende Eltern klagen, es sei eine Schweinerei, dass man bestimmte lehramtliche Minderleister nicht einfach hinauswerfen könne.

          Was bewirkt die Arbeitsmarktreife mit siebzehn? Die Universitäten müssen nachholen, was in Familie und Schule versäumt wurde, weil es vielfach an Lern- und Schreibtechniken fehlt. Schon gibt es renitente Eltern, die ihre Kinder zur Verlangsamung anhalten; freiwillige Ehrenrunden werden gedreht. Manche wechseln auf die Realschule, um weniger Lernstoff bewältigen zu müssen, am Nachmittag Zeit für Freunde, Hobby, Musik und Sport zu haben. Ein späterer Weg an die Universität ist nirgends mehr verstellt.

          Politiker wüssten es genau?

          Aber solange das Gymnasium als Gesamtschule für alle missbraucht wird, solange eine bizarre Akademikerquote eingefordert wird, so lange wird sich nichts bessern. Deswegen ist die Rückkehr zu G 9 auch nicht das Mittel der Wahl. Nun, da das G 8 gerade erst eingeführt ist, macht man den Fehler nicht besser, indem man ihn wieder rückgängig macht. Stattdessen sollte man sich endlich überlegen, was man den Schülern in diesen acht Jahren wirklich beibringen will.

          Es ist ein Spezifikum auch dieser aktuellen Schuldebatte, dass ausgerechnet Politiker, die selbst noch das klassische Gymnasium durchlaufen haben, vorzugeben bereit sind, sie wüssten genau, worauf es jetzt ankommt - dass modernisiert werden muss auf Laptop komm raus. Man könnte mit der Gegenfrage kontern: So schlecht kann die heute offenkundig als hoffnungslos altmodisch geltende Ausbildung doch nicht gewesen sein, hat sie doch immerhin für die Position einer Ministerin, ja, eines Ministerpräsidenten ausgereicht?

          Wird denn ein Personalchef einen geeigneten Kandidaten ablehnen, weil er neun Jahre bis zum Abitur aufgewendet hat? Warum also die Sehnsucht nach Beschleunigung auf Seiten der Wirtschaft, die es besser wissen müsste? Weil das Kopfgeld schon errechnet ist: Mit durchschnittlich 50 000 Euro beziffert Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, den finanziellen Vorteil, den ein Jahr weniger Schulzeit für den einzelnen Schüler bringe - wegen seines früheren Eintritts in die Erwerbstätigkeit. So wird nun auch die Schulzeit endgültig zur Geldzeit.

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