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Schule : Hände weg von unserer Kindheit!

Gib dir Mühe, heißt es, die Finnen können es doch auch! Bild: dpa

Jetzt geht die Debatte erst richtig los: Die dilettantische Art, mit der das Turbo-Gymnasium unter dem Aktenzeichen G8 eingeführt wurde, bringt Kinder um entscheidende Lebenserfahrungen. Denn gelernt wird nicht nur in der Schule.

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          Warum ist das Turbo-Gymnasium ein Thema, das die Wahlkämpfe überdauert? Warum ist die Art, wie in Deutschland die Gymnasialzeit von neun auf acht Schuljahre (vulgo: G8) zusammengestrichen wird, das große gesellschaftliche Thema, das alle, nahezu alle bewegt (siehe auch Im Erziehungscamp: Roland Koch als Schulversager)? Das heißt neben den betroffenen Kindern eben auch alle Erwachsenen – jene, die schulpflichtige Kinder haben, wie jene, die ihre eigenen Schulerfahrungen am Pisa-Sog von heute messen möchten.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Unterschied sticht jedem gleich ins Auge: Früher wurde, wenn man sich nicht auf den Hosenboden setzte, mit Hausarrest gedroht. Heute wird der Sechstklässlerin mit den Chinesen gedroht, die ihr einmal den Arbeitsplatz wegnehmen werden, wenn sie nicht endlich auf ihre Reitstunden und Tanzkurse verzichtet, um spätnachmittags nachzuholen, was ihr vormittags in der Schule wegen Zeitmangels und Stofffülle nicht annähernd erklärt wurde. Gib dir Mühe, heißt es, die Finnen können es doch auch! Ganz in diesem Sinne schrieb mir neulich der Kollege einer Wirtschaftsredaktion: „Ein späterer Arbeitgeber wird nicht fragen, wie viele Reitstunden oder Tanzkurse jemand hatte, sondern wird wissen wollen, ob er den Strömungswiderstand berechnen kann. Und das kann der chinesische Mitbewerber dann wahrscheinlich besser.“

          Die musische Erziehung kommt zu kurz

          Früher nannte man jemanden einen Streber, einen Fachidioten, wenn man sagen wollte, dass da einer keine Lebenserfahrung außerhalb der Schule gesammelt hat. Dass sich da einer versteigt in fachliche Richtigkeiten, ohne das Richtige an den rechten Platz im Leben rücken zu können, mit anderen Worten: ohne ein gesundes Urteilsvermögen erworben zu haben, ein Wissen darüber, was die Situation verlangt, einen Sinn für das jeweils Näherliegende und Fernerliegende, für das, was sich von selbst versteht. Reiten und Tanzen, aber natürlich auch Theaterspielen, sich mit Freunden verabreden, mit dem Hund spazieren gehen, in den eigenen vier Wänden faulenzen – das alles wie überhaupt jede angemessene Form musischer Erziehung fällt in der real existierenden G-8-Schule flach.

          „Ein späterer Arbeitgeber wird nicht fragen, wie viele Reitstunden oder Tanzkurse jemand hatte”

          Dort scheint man den Strebertyp geradezu züchten zu wollen, wenn man ihm, seinen Eltern und Lehrern einbleut, dass alle Widerstände, die das Leben zu bieten hat, immer schon überwunden sind, ist erst einmal der prüfungsrelevante Strömungswiderstand richtig berechnet. Wenn das die beschworene ökonomische Rationalität ist, sollten wir sie lieber gleich bei ihrem richtigen Namen nennen und von unseliger Einfalt sprechen. Ein Arbeitgeber, der derart stromlinienförmig den Nachwuchs rekrutieren würde, der keinen siebten Sinn für Persönlichkeit zeigte, für biographische Brüche, für Zauderverhalten und ein Sichberappeln nach persönlichen Niederlagen – ein solcher Arbeitgeber bekäme vermutlich genau die Mitarbeiter, die er verdient.

          Schon die Anfangsklassen werden mit Stoff überfrachtet

          Kindheit mit „glücklicher Kindheit“ gleichzusetzen war immer schon mehr Mythos als Realität. G8 ist nicht deshalb ein Skandal, weil es ein Kinderglück behindert, für das die Schule nicht verantwortlich ist und noch nie verantwortlich war. Nein, G8 ist ein Skandal, weil es den Kindern den Zugang zu außerschulischen Erfahrungswelten unmöglich macht, zu Welten, auf die die Kinder dringend angewiesen sind, weil sie dort ihre entscheidenden altersgemäßen Erfahrungen machen. Selbst ein schulisches Drillsystem wie das japanische sieht mehr Zeiten der musischen und körperlichen Entspannung vor als das deutsche G-8-System. In diesem Sinne ist man in einem Akt politischer Anmaßung dabei, Kinder um ihre Kindheit zu bringen, Familien um ein halbwegs gelingendes und sich nicht im Schulstress erschöpfendes Familienleben.

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