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Anschlag auf „Charlie Hebdo“ : Die Schüsse der Terroristen galten einem Prinzip

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Wir sind bei „Charlie Hebdo“ in die Schule der Anarchie gegangen. Sie ist die eigentliche Ressource Frankreichs. Jetzt müssen wir zeigen, was wir gelernt haben.

          „Charlie Hebdo“ ist nicht irgendein Titel an den überladenen französischen Kiosken, das Heft bildet den gemeinsamen Nenner der sonst so fragmentierten französischen Kultur: Nirgendwo sonst auf der Welt ist es möglich, alle Religionen, die eigenen Politiker und Prominenten mit solcher Wollust zu verarschen. Diese Überzeugung wird in Frankreich voller Stolz auch von Leuten geteilt, die sich das Heft nie kaufen würden und diese Zeichnungen nicht mal mögen. Denn „Charlie“ verlangt einem etwas ab – das ist kein Humor zur Entspannung, es geht richtig zur Sache. Ob da jeder Beitrag ins Schwarze trifft, ob die Feier des Obszönen und aller körperlichen Funktionen, das Pfeifen auf jeden Respekt auch dem eigenen Empfinden entsprechen, das ist nicht so wichtig. Denn dieser Geist der Anarchie ist, davon ist jeder Franzose überzeugt, die eigentliche Ressource des Landes. Was auch sonst? Bodenschätze sind Mangelware, die Verfassungsordnungen ändern sich wie die Moden, vielleicht gibt es bald die sechste Republik, auch das politische Personal wechselt ab und zu, Retter folgt auf Retter und kann doch wenig genug bewirken.

          Was sich nicht ändern darf, ist die Fähigkeit des Einzelnen, sich einen eigenen Plan zu machen und den amtlichen Ansagen ganz private Interpretationen der Welt entgegenzustellen. Das gute Leben kommt selten durch das brave Befolgen aller Regeln zustande. Savoir se débrouiller – sich selbst aus dem Schlamassel ziehen zu können, das ist eine nationale Kunst, die in der Schule nicht gelehrt wird. Sie rüstet einen für die Wechselfälle der großen Politik, für globalwirtschaftliche Machtverschiebungen und plötzlich auftretende soziale Bewegungen, macht immun gegen die wohlklingenden Slogans der neoliberalen und sonstigen Ideologien und befähigt einen im besten Fall, sich im Windschatten der Welt in irgendwelchen Gärten schöne Tage zu machen.

          Als hätten sie unsere Kindheit unter Feuer genommen

          Aber wie entwickeln die Leute die dazu nötige Distanz zu Respektpersonen und der jeweils herrschenden Lehre? Wie relativiert man den natürlichen Hang, Autoritäten erst mal zu folgen und alle Schuld bei sich zu suchen? Es ist ganz einfach Übungssache.

          Kaum hat der brave französische Junge alle Asterixhefte durch und das Ideal der wildschweinseligen Subversion am römischen Imperium verinnerlicht, reicht ihm etwa der Großvater einen Stapel satirischer Hefte, und darin ist der wahre Zaubertrank. Das konnte früher „Pilote“ sein, dann „Hara-Kiri“ oder eben „Charlie Hebdo“. Ein anarchisches Bewusstsein lässt sich viel besser durch Cartoons und Karikaturen schulen als durch lange Manifeste. Diese Lektüre ist ein Übergangsritus: In kultureller Hinsicht wird man erst durch das Studium dieser spezifischen Form von Anarchie, von Groteske und Blasphemie zum Franzosen. Und bald schon sieht man die Welt mit den Augen der Zeichner, im Falle des am Mittwoch ermordeten Cabu war das keine sehr erbauliche Sicht. In seinen frühen Werken hat sich sein Alter Ego, der Grand Duduche, gegen die stupiden Regeln der Schule und dann des Militärs zu behaupten. Dort lobt einmal ein Offizier der Republik seine Soldaten: „Euer Hass auf die Juden ist ebenso groß wie der auf die Araber, ihr seid wahrhaft neutral, bravo!“ Später ließ er allwöchentlich in einem Comicstrip seinen Schwager auftreten, den Beauf, in dem Spießertum, Konsumgeilheit, Rassismus und New-Age-Dumpfsinn eine erschreckend lebensechte Allianz eingegangen sind. Diese Figur – böse, übergewichtig, mit einem langen, dünnen Zopf am Hinterkopf – erinnerte jeden Leser an das beträchtliche Potential einer durchaus modern daherkommenden rechtsextremen Partei in Frankreich, und zwar lange vor den Wahlerfolgen von Marine Le Pen. In den Zeichnungen von Cabu konnten sich die Franzosen als ewig gieriges, feiges und durchaus brutales Völkchen erkennen; er zeichnete nicht die jeweils anderen, sondern explizit die eigene Familie. Damit erlangte er eine Beliebtheit, eine Form moralischer Autorität sogar, die nur mit der von Loriot zu vergleichen wäre. Auch den enthemmten Zeichenstil des bekennenden Erotomanen Georges Wolinski würde jeder Franzose sofort erkennen, seine radikale Behauptung eines Rechts auf ewige Geilheit ließ sich von keinen Geschmacksgrenzen beeindrucken.

          Auch darum verursacht der Anschlag in Frankreich solchen Schmerz: Zeichnungen sind eine Form, die man in der Jugend kennenlernt, es ist, als hätten die Terroristen eines jeden Kindheit unter Feuer genommen und Asterix erschossen.

          Die Wurzel allen Übels bleibt unbehandelt

          Der 7. Januar 2015 wird in die französische Geschichte eingehen als ein schicksalhafter Tag, an dem die Republik ihre kulturelle Identität völlig neu formulieren und behaupten muss. Es ist die schwerste Krise seit der Zeit des Algerienkriegs. Sie beendet, zumindest wäre dies das Fazit der ersten Tage nach dem Anschlag, eine nun schon zu lange währende Phase, in der sich die französische Öffentlichkeit in immer kleinere Gruppen und Untergruppen zerlegte, wie einst die Judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa in Monty Pythons „Leben des Brian“. Die Feindschaft unter den linken Parteien und Gewerkschaften, selbst innerhalb der Fraktionen in der Assemblée nationale wird nur noch übertroffen durch den Hass und die ruchlosen Methoden, mit denen sich das bürgerliche Lager bekriegt. Es waren Jahre voller dramatischer, auch operettenhafter und kunterbunter Skandale – von Clearstream über Bettencourt zu Dominique Strauss-Kahn und Cahuzac –, Skandale, Intrigen und Verbrechen, die nur noch von Profis verstanden werden konnten und die jegliches Vertrauen in die Eliten des Landes erodieren ließen. Weder Nicolas Sarkozy noch François Hollande vermochten die in sie gesetzten Hoffnungen auch nur ein kleines bisschen zu erfüllen, das vom Wähler gewährte, großzügige politische Kapital haben sie vergeudet.

          Die Wurzel allen Übels ist nach wie vor unbehandelt: Nichts zersetzt eine Gesellschaft so sehr wie anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, insbesondere unter Jugendlichen. Sie verschlimmert jeden sozialen Konflikt und schwächt die Kräfte, die Kompromisse stiften können, alles wird mühsam, wenn in den Familien oder im Bekanntenkreis die Erfolgsgeschichten ausbleiben. Eine depressiv-nostalgische Sehnsucht nach einem vagen Früher breitete sich aus, das allenthalben zu hörende „J’aimais mieux avant“ wurde mal antiglobalisiert links, mal reaktionär fremdenfeindlich interpretiert. So kam es zu beunruhigenden Bucherfolgen wie dem weinerlichen und unaufrichtigen „Suicide français“ des Autors Éric Zemmour. Das alles, die daraus resultierende Wahlverweigerung und Zersplitterung der vernünftigen Kräfte ermöglichten die äußerst beunruhigenden Erfolge von Marine Le Pen.

          Eine Bewährungsstunde für die Eliten des Landes

          Nun aber gilt es, die Lage der Republik ganz neu in den Blick zu nehmen, denn die Fassade ist am Mittwochmittag eingestürzt. Der sonst so selbstbewusste französische Staat hat den Tod der „Charlie Hebdo“-Mannschaft, der Reinigungskraft und der Polizisten nicht verhindern können. Es ist möglich, mit Kriegswaffen in der französischen Hauptstadt um sich zu schießen und dann zu entkommen, tagelang. Die Angst der ersten Tage hat verhindert, dass die Bürger dieses Staatsversagen thematisieren, aber das wird folgen. Der Blick ist nun frei auf ein Hinterland, in dem ein lebendiges Unterstützerumfeld für islamistischen Terror gedeiht, in dem die Mafiosi der Banlieues mit Kalaschnikows operieren und antisemitische Ausschreitungen anheizen.

          In diesen Tagen erleben die Eliten des Landes in Politik, Wirtschaft und Kultur ihre Bewährungsstunde, jeder Fehler wird schlimme, jahrelange Folgen zeitigen. Die Lage ist sehr ernst, und nun kommt es auf jeden an, denn, so bestätigen die Ereignisse die anarchische Lehre, die da oben können es nicht alleine.

          Die Schüsse der beiden Terroristen galten einem Prinzip: dass sich jeder selbst ein Bild von Gott und der Welt machen darf. Und weil „Charlie Hebdo“ seinen Lesern genau das beibringt, trafen sie die Richtigen. Ich hätte nicht angenommen, diesen Begriff einmal angemessen zu finden, aber heute ist er es: Die Zeichner und Autoren von „Charlie Hebdo“, Könige unserer Kindheit, starben einen Heldentod.

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