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Unterwegs in der Lausitz : Abraum

Reicht es bis zur Rente? Der Schlosser Bernd Briesemann arbeitet am Tagebau in Jänschwalde. Bild: Ingo van Aaren

Für Klimaaktivisten ist klar: Der Braunkohleabbau in Jänschwalde muss aufhören, sofort. Vor Ort fürchten die Menschen um ihre Zukunft. In einer verwundeten Landschaft, wo man nicht als Kohlenazi beschimpft werden will. Ein Gastbeitrag.

  • -Aktualisiert am
          11 Min.

          Das Ortsschild begrüßt die Besucher in Jänschwalde/Janšojce. Am Ufer des Dorfweihers spielt ein Kind mit seiner Mutter, eine Trauerweide lässt ihre Äste über das Wasser hängen. Aus dem Brauhaus Zur Linde strahlt diffuses Licht, Gardinen im Dreiviertel, vor den übrigen Fenstern sind die Rollläden heruntergelassen. Am Fußballfeld wirbt ein Banner für LEAG, Energie aus der Region, und auf dem Spielplatz steht ein kleiner Bagger, den Vattenfall sponserte, der vorletzte Besitzer des hiesigen Kraftwerks. Schon die Kleinsten sollen lernen: Wer auf dem Bagger sitzt, ist glücklich. Kohlepatriotismus könnte man das nennen.

          Die Lausitz ist bekannt für die Braunkohle. Seit den siebziger Jahren wird sie in Jänschwalde abgebaut und im Kraftwerk, das sich am Horizont abzeichnet, verstromt. Aus der Region, das klingt doch gut, wie Apfelmost aus dem Biomarkt, auch wenn von den Gewinnen des tschechischen Unternehmens LEAG wenig in der Gegend bleibt, immerhin einige Arbeitsplätze werden so erhalten. Obwohl hier knapp zwanzig Milliarden Kilowattstunden im Jahr entstehen, sind die Straßen so spärlich beleuchtet, dass man an einem Wintertag nicht weiß, ob es bereits Mitternacht oder doch erst kurz vor vier am Nachmittag ist. Die Stadt liegt wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, fünfzehn Minuten mit dem Auto sind es bis Cottbus, doch alles Städtische hat diese Gegend verloren. Ein Bus fährt um sieben, halb drei und halb fünf Richtung Schule. Ohne Auto wäre man aufgeschmissen. Vor den Einfamilienhäusern stehen polierte Mittelklassewagen. Wie ein Riss in der bundesrepublikanischen Wohlstandsdecke wirkt dieser Ort nicht, trotz der verfallenen Häuser, die sich wie Erinnerungsstücke an eine andere Epoche zwischen die geweißelten Anwesen verloren haben.

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