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Kolumne „Bild der Woche“ : Sex after Cigarettes

  • -Aktualisiert am

Warnbild auf einer Zigarettenpackungen, wie es die EU vorschreibt. Bild: © European Union

Eine Intimität, die mir aufgezwungen wird: Als Warnung, als Antiwerbung. Über den nackten Mann von der Zigarettenpackung – und die Illusion, dass man unsterblich wird, wenn man nur aufhört zu rauchen.

          Es war mir immer bewusst, dass ich nicht für die Werbung geboren bin, aber wer ist das schon? Jene, die dafür geboren sind, sind vielleicht noch gar nicht geboren. Wenn ich die Werbung im Fernsehen oder in der Zeitung anschaue, spüre ich meine totale kommerzielle Inkompetenz oder sogar Impotenz, ich denke an meine Herkunft, jenseits des Konsums, an meinen antrainierten, aber nicht ganz funktionierenden Asketismus. Ich verstehe häufig überhaupt nicht, für welches Produkt geworben wird – und warum? Es flimmert vor weißen Zähnen, schönen Wohnungen, Hunde laufen vorbei und irgendetwas fließt. Doch dann gibt es einen direkten Hinweis, große Buchstaben oder feuchtes Flüstern, und hurra: es geht um Waschpulver, Matratzen oder Autos!

          Ich erinnere mich an einen Werbespot für Schmerzmittel und daran, wie sich eine große runde Tablette in einen Pfeil verwandelt und das Ziel trifft: die Mitte des Schmerzes. Die Konkretheit des Schießens ist stärker als die Symbolik des Ziels, und so rutsche ich von meinem Sofa, tödlich von dieser Werbung getroffen. Dann muss man eine rauchen, aus einer Packung mit diesem Bild.

          Die Wege der Wahrnehmung sind unergründlich. Ich mag diesen Mann auf dem Zigaretten-Aufkleber, er ist mein treuer Begleiter auf American Spirit oder Parisienne. Ich habe ihn oft angeschaut, als ich noch viel rauchte, und begann ihn zu vermissen, als ich nicht mehr zu Zigaretten griff. Er liegt im Bett, die Laken zerwühlt, und er bleibt anonym, trotz unserer zahlreichen Begegnungen. Diese Intimität wird mir aufgezwungen. Als Warnung. Als Antiwerbung.

          Auf der Packung steht kategorisch gnadenlos geschrieben: „Rauchen bedroht ihre Potenz“. Der Mann soll diesen Slogan illustrieren. Das Bild aber protestiert. Auch mein Herz wehrt sich gegen die Großbuchstaben, als wäre es reine Propaganda. Es ist der menschliche Körper, obwohl schon häufig für Propagandakunst benutzt, der nicht reduziert werden möchte. Sogar in diesem inszenierten Fall eröffnet er Raum für Interpretation. Der Körper ist mehr als Zeichen. Es wird immer etwas aus ihm „herausragen“, obwohl gerade hier das Gegenteil behauptet wird. Was sehe ich: ein Verlangen nach dem anderen Menschenwesen? Einen Traum? Unruhe beim Einschlafen – ganz allgemein? Ähnelt er einem Toten vom Pompeji? Wer sind diese Models – und rauchen sie auch selbst? Im Übrigen verrät seine Embryo-Pose, dass dies noch nicht das Ende ist, dass die Geburt bevorsteht.

          Die berüchtigten Aufkleber sind längst Stoff für Rituale, jeder hat die Menschen erlebt, die unter den „Schockbildern“ nach neutralen suchen, zwischen Witz und Ekel lavierend. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass verfaulte Zähne, schwarze verstümmelte Organe oder unbekannte ekelige Löcher auf den Fotos mehr Wirkung haben als inszenierte Begräbnisse, Kinder am Sterbebett ihrer Eltern, oder andere symbolische Leidensbilder.

          Als Mutter erwachsener Kinder bekomme ich von den Verkäufern Bilder mit Babys auf Zigaretten als Angebot, die Zeit, in der ich Kindern hätte schaden können, ist vorbei. Ich ziehe trotzdem den liegenden Mann vor, dafür versuche ich mich stets mit: „Na endlich etwas weniger Potenz“ zu rechtfertigen. Entdeckt habe ich dieses Bild, als ein Mann diese Packung zurückwies und sagte: „Nein, nein, geben Sie mir bitte lieber eine mit Krebs.“ Die Verkäufer stehen den ganzen Tag vor all diesen Varianten des „. . . kann tödlich sein“, vor den Schockbildern, die in uns die Selbsterhaltungstriebe und sozialen Instinkte wecken sollen.

          Wer möchte schon in die Hölle?

          Die Geschichte der Anti-Werbung ist älter als die Welt der Moral. Wer möchte schon in die Hölle, dorthin, wo in großen Kesseln Menschen gekocht und mit Zangen gequält werden? In den neuen Zeiten wird Fotografie zum Warnzeichen vor realer Gefahr – als Aufruf gegen die Kriege. Fotografie wird zum Mittel der Empathie und politischer Forderung. Das Buch „Krieg dem Kriege“ (Ernst Friedrich, 1924) zeigte entstellte Gesichter von jungen Soldaten, die nicht nur Mitleid und Schrecken erzeugten, sondern auch Ekel. Dieses Buch war eines der ersten, das mit Schockbildern vor dem Krieg gewarnt hat.

          Die Antiwerbung gegen das Rauchen suggeriert, dass es keinen Krieg gibt. Man hört auf zu rauchen und wird unsterblich. Der Mann auf dem Bild zeigt keine sichtbaren Krankheiten, ist äußerlich verschont. Und er ist nicht alleine, wenn er seine traurigen Träume träumt, zumindest wenn ich rauche. Es wird sich immer eine Frau finden, die sich nach dem Rauchen sehnen wird, nach der versteckten Erotik des Rauchens, die in dieser Packung unsichtbar bleibt.

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