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Proteste in Belarus : Verliebt in das eigene Volk

Menschenketten mit der Farbe weiß: In Minsk demonstrieren Bürger ihre Unterstützung für die Opfer der Polizeiwillkür. Bild: EPA

Gegen die satanische Gewalt: Schriftsteller und Musiker in Belarus, aber auch in Russland solidarisieren sich mit den friedlichen Protesten gegen Präsident Lukaschenka. Sie verteidigten „unsere Würde“, findet die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch.

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          Während in Belarus die friedlichen Proteste gegen die Wahlfälschungen anhalten, hat die belarussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch Präsident Lukaschenka zum Rücktritt aufgefordert. „Hau ab, bevor es zu spät ist, bevor du die Menschen in den Abgrund eines Bürgerkriegs gestürzt hast!“, sagte Alexijewitsch gegenüber dem Sender Radio Swoboda und warf dem Machtapparat vor, er habe dem eigenen Volk den Krieg erklärt. Alexijewitsch gab sich gewiss, dass die offenbar zur Ausreise gezwungene Swetlana Tichanowskaja die Wahl gewonnen hat.

          Friedliche Leute zeigen ungekannte Kräfte

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Du willst bloß die Macht, und dieser Wunsch von dir führt zu Blutvergießen“, sagt Alexeijewitsch an die Adresse von Lukaschenka, wobei sie ihn familiär duzt. Die Belarussen seien friedliche Leute, betonte die 72 Jahre alte Schriftstellerin; sie wollten keinen Maidan, erklärte sie mit Blick auf die opferreichen Proteste in der Ukraine, kein Blutvergießen. Umso mehr zeigte sie sich von der Brutalität der OMON-Spezialkräfte entsetzt, die mit unmenschlichem, ja satanischem Furor gegen Demonstranten vorgegangen seien. Sie könne nicht glauben, dass belarussische Jungs derart auf ihre Mütter und Schwestern einprügeln würden. Zugleich dankte Alexijewitsch den Protestierenden dafür, dass sie „unsere Würde“ bewahrt hätten. Sie habe sich während der letzten Wochen in ihr Volk verliebt, gestand Alexijewitsch; die Leute hätten sich verändert, sie zeigten ungekannte Kräfte.

          Tatsächlich wird in den Straßen von Minsk und etlichen anderen Städten weiter, aber höchst zivil demonstriert. Zum Zeichen ihrer Unterstützung für die Opfer von Polizeiwillkür bilden die Leute weiß gekleidet, mit weißen Armbinden und weißen Blumen Menschenketten. Auf Telegram berichtet der Oppositionssender Nexta von einzelnen Streiks und zeigt Veteranen der Speznas-Sonderpolizei, die aus Protest gegen die Exzesse der OMON-Einheiten ihre Uniformen und Abzeichen in den Müll werfen.

          Der Dirigent Vitali Alekseenok, der aus der Gegend um Minsk stammt, aber heute in Deutschland lebt, ist in seine erste Heimat zurückgekehrt, um sich an den Aktionen zu beteiligen. Da sämtliche Führungspersönlichkeiten im Gefängnis säßen oder fliehen mussten, organisiere sich die Zivilgesellschaft wie ein Orchester ohne Dirigenten, vorsichtig, dezentral, improvisierend, aber sehr achtsam, sagt Alekseenok dieser Zeitung am Telefon. Heute beteilige er sich, so der Musiker, mit einem selbstgemalten Plakat an Flashmobs, die in Minsk Verkehrsstaus erzeugen.

          Meine Stimmen wurden gestohlen

          Unterdessen sangen die streikenden Mitarbeiter der staatlichen Philharmonie vor deren Hauptportal das belarussische Chorgebet „Magutny boscha“ (Mächtiger Gott), wobei sie Buchstabenplakate in den Händen hielten, die den Satz „Meine Stimmen wurden gestohlen“ (U menja ukrali golosa) ergaben. Das Video mit der im Nachkriegsjahr 1947 entstandenen geistlichen Hymne, die in Belarus jeder kennt, kursiert viral im Netz. „Magutny boscha“ werde jetzt auch anderen Stellen der Stadt von Demonstranten gesungen, berichtet die Komponistin Olga Podgaiska.

          Podgaiska gesteht, es habe sie zutiefst erschüttert, dass friedliche Belarussen von ihren eigenen Landsleuten zusammengeschlagen und in zwei Fällen sogar getötet wurden. Die Komponistin hatte zum Wahltermin vorige Woche eine hoffnungsvoll prophetische „Symphonie der Solidarität“ produziert, wobei sie etliche hundert Aufzeichnungen kurzer Einzelphrasen von Orchesterinstrumentalisten, aber auch Rockmusikern, Chorsängern und einem Organisten zusammenschnitt. Das sechs Minuten lange Stück wächst aus der Einstimmigkeit polyphon an und steigert sich zum Klangchaos, bevor es zu einem harmonischen C-Dur-Finale findet.

          Die Ereignisse in Belarus finden jedoch auch bei Figuren der Kulturszene im nicht weniger autoritär regierten Russland lebhafte Anteilnahme. Der populäre Videoblogger Juri Dud las den belarussischen Ordnungshütern in der Sprache der Straße die Leviten. Er respektiere Stärke, erklärte der spindeldürre Dud, ihm sei klar, dass kein Staat ohne starke Kerle mit Schulterklappen existieren könne. Aber irgendetwas sage ihm, dass sie sich die Kraft von Supermännern nicht dafür antrainiert hätten, um unbewaffnete Landsleute zu verkrüppeln. Der Geiger und Dirigent Wladimir Spiwakow sagte sich von dem Frazisk-Skorina-Orden los, den der belarussische Machthaber ihm 2014 verliehen hatte. Er sei dazu gezwungen, so Spiwakow. Angesichts der schwarzen Gewalt, mit der Lukaschenka sein Volk niedermache, sei es beschämend, eine Auszeichnung von ihm zu tragen.

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