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Schriftsteller Mohsin Hamid über Blacksburg : „Eine durch und durch amerikanische Geste“

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„Attentäter wollen die Welt herausfordern”: Schriftsteller Mohsin Hamid Bild: Ed Kashi

Mohsin Hamid wuchs in Pakistan auf und studierte in Princeton und Harvard. Zur Zeit stürmt er Amerikas Bestsellerlisten. Im Interview mit der F.A.Z. spricht Hamid über das Massaker in Blacksburg und den amerikanischen Wandel.

          2 Min.

          Mohsin Hamid, Jahrgang 1971, wuchs in Pakistan auf, studierte in Princeton und Harvard und lebt heute in London. Mit seinem zweiten Roman „The Reluctant Fundamentalist“, bei Hoffmann und Campe als „Der Fundamentalist, der keiner sein wollte“ erschienen, stürmt er gerade die amerikanischen Bestsellerlisten.

          Mr. Hamid, Sie kamen einst von Pakistan zum Studium in die Vereinigten Staaten. Wie war das damals?

          Es war eine phantastische Erfahrung. Ich kam 1989 nach Princeton, zu einer Zeit also, die völlig anders war als die heutige. Es gab noch keine Spannungen zwischen der muslimischen Welt und dem Westen, und da pakistanische Universitäten unter der Diktatur Zia ul-Haqs völlig heruntergekommen waren, eröffneten sich mir in Amerika auf einmal unglaublich neue Perspektiven. Für mich war das ein aufregendes Umfeld, und ich konnte mich darin wunderbar entfalten.

          Der junge Amokläufer in Virginia studierte Englisch und schrieb Dramen, die sicher bald Silbe für Silbe untersucht werden. Kann das ein Weg sein, den Gründen für eine solche Gewalttat auf die Spur zu kommen?

          Ich frage mich: Was für eine Erklärung brauchen wir eigentlich noch? Es gibt in der Welt, und es wird in ihr immer eine gewisse Zahl junger Leute geben, vornehmlich junger Männer, die eine enorme Wut in sich tragen und den Drang empfinden, diese Wut in Gewalt umzusetzen. Das tun sie dann in einer Geste, die in ihren Augen eine romantische Aura hat. Ob es nun ein Literaturstudent ist, der an einem amerikanischen College eine furchtbare Gewalttat vollbringt, oder ein junger Selbstmordattentäter, der sich zu einem Akt des politischen Terrorismus versteigt - diesen jungen Männern ist die Vorstellung gemein, dass das, was sie tun, eine bedeutende Geste ist, die sie als Herausforderung der Welt verstehen. Wir müssen das völlig getrennt von jeder Moralvorstellung sehen. So etwas hat es seit Urzeiten gegeben.

          Wie ist es zur Trennung der Gewaltarten gekommen - hier die Selbstmordattentate, dort die Schießereien in Schulen und Universitäten?

          Kulturen schaffen sich ihre eigenen Ausdrucksformen auch im Bereich der Gewalt. In Amerika hat sich der lone gunman, der bewaffnete Einzelgänger, zur charakteristischen Erscheinung herausgebildet. Er kehrt in eine Umgebung zurück, die ihm vertraut ist, sei es ein Büro, eine Schule oder ein College, und tötet die Leute mit seinen Schusswaffen. In anderen Teilen der Welt wird das Bild von Männern geprägt, die Sprengsätze an ihre Körper befestigen. Es ist eine kulturell bestimmte Geste. Wenn auch der Amokläufer in Virginia südkoreanischer Herkunft war, handelte er nun doch auf eine durch und durch amerikanische Weise.

          Changez, der widerwillige Fundamentalist in Ihrem Roman, verliebt sich in Amerika, nur um nach den Terrorangriffen des 11. September wieder in seine alte Identität zurückzufallen. Warum?

          In unserer Welt gibt es mehrere Erzählungen, die miteinander konkurrieren. Einmal gibt es die Erzählung von der Globalisierung, wie wir sie etwa von Thomas Friedman kennen, der an eine gemeinsame Zukunft auf einer kosmopolitischen Ebene glaubt, wo Stämme und Gruppen ihre Bedeutung verloren haben. An dieser Erzählung ist vieles wahr, aber sie verleugnet die anderen Erzählungen, die keineswegs verschwunden sind. Leute, die an der Globalisierung mit viel Begeisterung teilnehmen, überlegen es sich manchmal eben anders, zum Beispiel wenn sie glauben, ihre Gruppe sei bedroht. Und wenn sie so behandelt werden, als wären sie noch mit dieser Gruppe eng verbunden, erinnern sie sich umso lieber an die alte Erzählung.

          Sie haben gesagt, nach dem 11. September sei es Ihnen so vorgekommen, als habe jemand zwischen Amerika und der muslimischen Welt eine Mauer hochgezogen. Wie wäre die wieder abzutragen?

          Vor allem das Gespräch über die Mauer hinweg darf nicht abbrechen. Zum Glück ist diese Mauer nur ein Produkt unserer Einbildung. Es gibt kein grundlegendes Faktum, aus dem zu schließen wäre, dass der Islam und das Christentum, der Westen und die muslimische Welt im Konflikt miteinander existieren müssten. Der Konflikt heute ist nicht religiös, sondern politisch. Die in ihn verwickelten Kämpfer aber sind viel komplizierter, als wir annehmen. Darum wäre nichts vorteilhafter für uns, als jede unbesonnene Vereinfachung zu vermeiden und die Komplexität der Lage anzuerkennen.

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