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Vor dem Referendum : Die „Schändung“ der kulturellen Landschaft Schottlands droht

  • -Aktualisiert am

Selbst schottischen Kulturträgern ist es derzeit nicht zu empfehlen, nicht energisch zur Fahne zu schwören. Am Donnerstag wissen Land und Leute mehr. Bild: AFP

Was ist, wenn sich die Schotten tatsächlich selbständig machen? Die Separatisten unterschätzen die in diesem Fall bevorstehenden kulturellen Veränderungen, giften aber weiter.

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          Im Angesicht des drohenden Zerfalls des Vereinigten Königreiches werden oft Parallelen gezogen zwischen David Cameron und Lord North, dem Premierminister, der die amerikanischen Kolonien verloren hat. Camerons emotionaler Appell im Endspurt des Kampfes um die Rettung der Union mit Schottland erinnert jedoch eher an Maria Tudor, die nach dem demütigenden Verlust des letzten englischen Stützpunkts in Frankreich im Jahr 1558 verkündet haben soll, wenn sie tot sei, werde man Calais in ihr Herz geschnitten finden.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Königin hat den Schlag nicht verwunden und starb noch im selben Jahr. Sollten die Schotten am Donnerstag den Schritt in die Unabhängigkeit wagen, wird Schottland auf das Herz des selbst erklärtermaßen „untröstlichen“ David Cameron geätzt sein, ob er nun als Premierminister überlebt oder nicht.

          Grenzen für Ideen

          Durch seine Herkunft verkörpert Cameron in gewisser Weise den Schmelztiegel der britischen Nation: Väterlicherseits stammt er aus einem Clan im westlichen Hochland, der sich 1715 dem jakobitischen Aufstand gegen die Union anschloss. Von Seiten der Mutter hat er walisisches Blut. Die klassische Ausbildung der Oberschicht hat ihm eine unverkennbare englische Prägung gegeben, die ihn in den Augen der schottischen Separatisten zu einer leichten Zielscheibe des Spotts macht. Cameron ist der dreizehnte von 52 Premierministern des Vereinigten Königreichs, die in Schottland geboren wurden oder schottische Wurzeln haben.

          Vor lauter nationalistischem Opfergerede über die Kolonialisierung Kaledoniens durch englische Imperialisten gerät leicht in Vergessenheit, dass die Personalunion von 1603 mit einem schottischen König begonnen hat, der den englischen Thron bestieg, und dass die Zahl der Schotten, die seit der Zweckehe von 1707 „den rechten Weg“ nach England eingeschlagen haben, um ihr Glück zu suchen, wie der unnachahmliche Lexikograph Dr. Johnson frotzelte, unverhältnismäßig viel höher ist als umgekehrt.

          Diesem freien Verkehr von Personen und Ideen könnten jetzt auch im übertragenen Sinne Grenzen gesetzt werden. Zu den bedenklichsten Folgen der Dezentralisierung gehört der Beschluss der schottischen Nationalpartei (SNP), die Studiengebühren an schottischen Universitäten aufzuheben. Seit dem Jahr 2000 kostet das Studium für Schotten und Mitglieder der EU-Staaten nichts; die Engländer, Waliser und Nordiren sind aufgrund einer Anomalie des europäischen Gesetzes, das Diskrepanzen innerhalb eines Staates, aber nicht zwischen Staaten erlaubt, von dieser Begünstigung ausgeschlossen. Sie müssen die neuntausend Pfund im Jahr entrichten, die britische Hochschulen verlangen. Auch ohne einen separatistischen Staat wird es bald eine Generation von Schotten geben, deren Hochschulerfahrung sich auf ihr kleines Land beschränkt.

          Der Himmel auf Erden

          Über Jahrhunderte hinweg ist die britische Kultur durch den regen Austausch zwischen Engländern und Schotten befruchtet worden. Jetzt befürchten Anhänger der Union, dass der kleinliche Nationalismus der SNP eine Verengung des Geistes befördern werde. Der Komponist James MacMillan, eine der wenigen Figuren aus dem schottischen Kulturleben, die sich zum „Nein“-Lager bekennen und wie die erklärte Unabhängigkeitsgegnerin J.K.Rowling die giftigen Angriffe der sogenannten „Cybernats“ (Online-Separatisten) in Kauf nehmen, unkt sogar, dass es zu einer „Schändung“ der kulturellen Landschaft kommen werde, wenn der silberzüngige Alex Salmond die Abstimmung gewinnt und sich wie ein schottischer Atatürk, als der er sich gern sähe, zum Vater der Nation stilisiert.

          Zu den Institutionen, die sich im Falle einer Abspaltung grundlegend verändern werden müssen, zählt ausgerechnet die BBC. Ähnlich wie der staatliche Gesundheitsdienst hat die Rundfunkanstalt entscheidend beigetragen zu jenem gesamtbritischen Nationalverständnis, das jetzt auf dem Spiel steht. Als Gründung des schottischen Pastorensohnes John Reith, dessen presbyterianische Werte die Institution tief geprägt haben, ist die BBC geradezu sinnbildlich für die kulturellen Impulse von Norden nach Süden.

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