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Schönheitschirurgie : Die nächste Abwrackprämie

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Die Schönheitschirurgie erlebte in den letzten Jahren einen ungebremsten Aufschwung. Doch mit der Krise platzt für viele der Traum von schmalen Schenkeln und größeren Brüsten. Soll man es als Rückkehr zur Vernunft begrüßen oder verdient das Geschäft mit der Schönheit staatliche Hilfe?

          Vor nicht einmal vier Jahren prophezeite die Verlegerin Angelika Taschen, in zwanzig Jahren werde es zumindest in der westlichen Welt mehr operierte als nicht operierte Menschen geben. Die Zahlen, welche die Diagnose ihres Buchs „Schönheitschirurgie“ stützten, wirkten überzeugend: Zwischen 1997 und 2002 hatte sich die Zahl der Eingriffe allein in Amerika vervierfacht. Der Boom hielt an: Im Jahr 2007 gaben die Amerikaner zwölf Milliarden Dollar für kosmetische Operationen aus, allein die Zahl des beliebtesten Eingriffs bei Frauen, der aus normalen Brüsten das macht, was man „porn boobs“ nennt, stieg von 1992 bis 2007 um 657 Prozent. Alles sprach dafür, dass die künstliche Schönheit auf dem Weg war, eine demokratische Angelegenheit zu werden.

          Die Musikindustrie und Hollywood lieferten die Schönheitsideale, Künstler wie Jeff Koons, Terry Richardson oder David LaChapelle adelten den Porn chic, und in Berliner Clubs galt es irgendwann als lässig, zur Musik Russ-Meyer-Filme an die Wand zu beamen. Die Nachfrage stieg, die Verfahren wurden effizienter, sicherer, weniger schmerzhaft – und die Eingriffe billiger. Und wer sich seinen Traum von schmalen Schenkeln, einer geraden Nase, glatter Stirn oder größeren Brüsten immer noch nicht leisten konnte, machte einfach einen längeren Urlaub in Osteuropa.

          Rückkehr zur Vernunft

          Die Nachrichten, die uns nun erreichen, sind deshalb umso erschütternder. Eine Umfrage der „American Society of Plastic Surgeons“, die Statistiken über jegliche Form von Schönheitsbehandlungen erhebt, hat für das erste Halbjahr 2008, als die Krise noch eine Ahnung war, massive Gewinneinbußen ergeben. 62 Prozent berichteten von einem allgemeinen Auftragseinbruch im Vergleich zum Vorjahr. Und nun musste auch noch Allende, Monopolist des Faltenweg-Nervengifts Botox, bekanntgeben, dass der Umsatz bei seinem Topprodukt eingebrochen sei. 460 Mitarbeiter werden entlassen. Die New Yorker Publizistin Maura Moynihan fragte sich deshalb bereits auf „The Daily Beast“: „Gibt es einen kausalen Zusammenhang für den gleichzeitigen Niedergang der Wall Street, der republikanischen Partei und der ,porn boobs‘?“

          Sie hat anhand der Zahlen festgestellt, dass das Geschäft mit der künstlichen Schönheit ausgerechnet unter besonders konservativen Präsidenten besonders prächtig gedieh. Unter Reagan wurde es zu einer ernstzunehmenden Wirtschaftsgröße, und in den Bush-Jahren bildete sich die „Blase“, die nun platzte. Die Gründe für die Krise sind vergleichbar mit denen, die den Immobilienmarkt erschütterten und die Finanzkrise auslösten: Gier (nach einem besseren Leben), Angst (nicht mehr mithalten zu können) und Missachtung der Risiken (auch der finanziellen): „Frauen mit Universitätsabschlüssen, Aktien-Portfolios, tollen Beinen und Haaren, Frauen, von denen man glauben sollte, dass sie die Angst vor fehlendem Sex-Appeal und Selbstwertgefühl überwunden haben, nahmen diskret Kredite auf, um sich Brustimplantate, eine Bauchstraffung und ein Facelift machen zu lassen.“

          Die Krise der plastischen Chirurgie ist für Moynihan deshalb eine ökonomisch erzwungene „Rückkehr zur Vernunft“. Eine zu einfache Antwort. Denn die „Rückkehr zur Vernunft“ wäre nicht weniger als der Verrat des amerikanischen Traums, der Verrat am Glauben, dass der Mensch, wenn er nur hart genug an sich arbeitet, sich ändern kann und sein Schicksal selbst in der Hand hat

          Schönheit verdient Unterstützung

          Statt einer Rückkehr müsste es deshalb eine Investition in die Vernunft geben. Eine Rettungsaktion der Regierung. Die Schönheitsindustrie ist schließlich eine Schlüsselindustrie, besonders in Kalifornien, und eine Branche mit Zukunft. Denn längst fühlt sich niemand mehr so alt, wie er ist, und kleidet oder benimmt sich auch so.

          Statt Häme für all die Maßlosen und schlecht Operierten, statt Neid und reaktionärer Zufriedenheit brauchte das Geschäft mit der künstlichen Schönheit Unterstützung. Es brauchte eine Art Abwrackprämie für alle. In Deutschland haben sich Bürger als mündige Konsumenten bewährt: Sie haben sich keinen Hummer oder Porsche gekauft, sondern einen Golf. Vieles spricht dafür, dass sich auch die Amerikaner in den Dienst der Sache stellen werden: volle Lippen statt Schlauchboote, die Stirn nur glätten und nicht betonieren lassen, Körbchengröße B statt D. Die Menschen würden ein bisschen schöner, ein wenig gutgelaunter und die Welt etwas besser. Es gibt sinnlosere Wege für den Staat, Geld in der Krise zu verschwenden.

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