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Syrisch-türkischer Schmuggel : Wir heiraten euch, dann könnt ihr alle hierbleiben

  • -Aktualisiert am

Auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ profitiert vom regen Grenzhandel bei Reyhanli Bild: Ullstein

Einst war die Gegend um Reyhanli unberührt von den Ereignissen der Welt. Heute werden an der türkisch-syrischen Grenze Drogen und Waffen geschmuggelt - und neuerdings sogar Menschen.

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          Kadir A. will sich nicht beklagen. Seit der Krieg in Syrien ausgebrochen ist, laufen die Geschäfte in Reyhanli besser denn je. Die kleine türkische Stadt im Landkreis Hatay, unmittelbar an der Grenze zu Syrien, war schon immer bekannt für den Schmuggel von Waren. In Reyhanli, sagt mir Kadir, muss ein Mann Schmuggler sein, um eine Braut zu bekommen, das sei ein ungeschriebenes Gesetz. Tee, Oliven, Kaffee, aber auch Alkohol und Zigaretten sind nur einige der Güter, die über die türkisch-syrische Grenze ihren Weg bis in die Tourismushochburgen an der Ägäisküste finden. Auch der vierzigjährige Kadir hat in den vergangenen Jahren sein Gehalt als Kellner mit dem Handel von illegalen Zigaretten und Alkohol aufgebessert. Manchmal, sagt der strenggläubige Muslim, auch mit dem Verkauf von Marihuana. Ein Gewissenskonflikt sei das für ihn nie gewesen, schließlich konsumiere er das Zeug selbst ja nicht.

          Mit dieser Haltung ist Kadir in Reyhanli nicht allein. Auch dass nun wohl auch Mitglieder der Terrororganisation „Islamischer Staat“ vom regen Handel an der türkisch-syrischen Grenze profitieren, ist für ihn und seine Freunde kein Problem. Täglich liefere sein Freund Mustafa für etwa zwanzigtausend Lira, umgerechnet siebentausend Euro, Lebensmittel mit dem Lastwagen nach Syrien. Die Käufer seien aufrichtige Muslime, mehr wisse er nicht, sagt Kadir. Solange das Geld fließt, ist ihm jeder Handelspartner recht.

          Unberührt von den Ereignissen

          Von seinem Haus kann Kadir hinter einem ockerfarbenen Staubschleier die steppenhafte Landschaft Syriens erkennen. Zu Fuß sind es nur ein paar Minuten bis zur Grenze. Jahrzehntelang lebten die Menschen in Reyhanli nahezu unberührt von den Ereignissen der Geschichte in ihrer eigenen, konservativ islamischen Welt, in der jeder Tag mit dem Ruf des Muezzins zum Gebet beginnt und mit ihm auch wieder endet. Frauen trifft man nur selten allein auf der Straße an, junge Mädchen ohne Kopftuch fast nie. Und wenn dann ein Mann in Pluderhose samt zweier Kinder und einer verschleierten Frau auf einem Mofa an einem vorbeiknattert, erscheint der Kontrast zur weltoffenen Gezi-Bewegung Istanbuls besonders stark. Reyhanli, was auf Türkisch so viel bedeutet wie Paradiesgarten, wirkt auf Besucher eher so, als läge es in Afghanistan.

          Kadir sagt, er sei alhamdulillah – Gott sei Dank – Muslim und, wenn es sein müsse, auch bereit, fürs Vaterland zu sterben. Damit spricht er nicht wenigen Türken aus der Seele. In seinem Stammcafé in seinem Dorf treffen sich die Männer jeden Abend unter dem Konterfei Atatürks, das an der Wand hängt. Trotzdem haben hier fast alle Erdogan gewählt. Er sei einer, sagt Kadir, der sich endlich wieder auf die Werte des Islam besinne. Für Kurden haben die Menschen hier nur wenig übrig. Die meisten seien Terroristen, Vaterlandsfeinde, davon ist Kadir überzeugt, nur wenige hätten „Iman“. Iman, das bedeutet, Glauben zu haben, und den hat für Kadir, wer sein Leben nach den Regeln des Islam ausrichtet. Heiraten, so Gott will, Kinder bekommen, ein anständiges Leben führen, gottgefällig sein – das ist das Wichtigste für ihn und Arife, seine verschleierte Frau. Die Terrororganisation IS betrachtet Kadir als Erfindung der Amerikaner, wie überhaupt der ganze Krieg in Syrien und im Irak nur geführt werde, um am Ende der Türkei zu schaden. Dass sei schon immer so gewesen, dass die Türkei von Feinden umzingelt sei.

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