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Schmidt & Pocher : Die größte Playmobilaktion aller Zeiten

  • -Aktualisiert am

Stehen bereit fürs Kulturfernsehen: Playmobilfiguren Bild: AP

Da sage noch einer, Kultur im Fernsehen finde nicht statt: Mit Nachdruck wollen Harald Schmidt und Oliver Pocher heute Abend in die Diskussion um den fünften Band von Hans-Ulrich Wehlers „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“ einsteigen. Zwölf Meter Playmobil stehen bereit.

          Wochenlang haben die Mitarbeiter der Produktionsfirma Bonito TV das Ereignis vorbereitet. Und sagenhafte fünfzehn Fernsehminuten soll es heute Abend um 22.45 Uhr in der ARD dauern, falls nicht VW-Aktien-Achterbahnfahrten oder ICE-Ausfälle inhaltlich dazwischenkommen: Oliver Pocher und Harald Schmidt werden in ihrer Show den fünften Band von Hans-Ulrich Wehlers monumentaler „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“ über die Jahre 1949 bis 1990 mit Playmobilfiguren nachspielen.

          Es wird „die größte Playmobilaktion überhaupt werden“, so Schmidt: Angeblich soll die Menge der beteiligten Figuren zwölf Meter ergeben. Millionen Fernsehzuschauer sind live dabei, wenn Pocher und Schmidt auf diese Weise den Fünfhundert-Seiten-Wälzers des 77 Jahre alten Bielefelder Historikers in Szene setzen.

          Eine Art Lourdes auf zwei Beinen

          Damit steigen die Experten Pocher und Schmidt verspätet, aber mit Nachdruck in die Diskussion von Wehlers bereits Ende August erschienenem Buch ein, das in den vergangenen Wochen unter anderem im F.A.Z. Lesesaal für kontroverse Debatten gesorgt hat. „Die meisten schalten ab“, hatte Schmidt zuletzt gestanden, als er in einem Interview nach solchen intellektuellen Ausflügen im Fernsehen befragt wurde. Aber „für die zehntausend Irren, die sich da auskennen, werden Sie eine Art Lourdes auf zwei Beinen.“ Nun darf sich Schmidt auf seine Rolle als Historiker-Abgott freuen.

          Historiker Schmidt und Schüler Pocher: „Die meisten schalten ab”

          Schmidts Playmobilinszenierungen in seinen Sendungen sind Legende, die er auch mit Pocher zusammen weiterbetrieb. Zuletzt sah man das Leben des zaudernden Hamlet und des unverdrossenen Bäckersjungen Jürgen Klinsmann; berühmt sind seine Darstellungen der „Apollo 11“-Mission („Houston, wir haben ein Problem“) oder des Lebenswegs von Franz Beckenbauer. Walter Benjamin und Ernst Jünger kamen auf die Bühne; ebenso komplexe historische Ereignisse wie die Französische Revolution. Und natürlich fesselten Schmidt die Anfänge menschlicher Geschichte angesichts göttlicher Macht: auch die Fahrt der Arche Noah konnte dank Playmobil schon nachempfunden werden.

          Gesellschaftsgeschichte mit anderen Mitteln

          All das ist allerdings nichts im Vergleich zum heutigen Massenauflauf kleiner bunter Figuren im TV-Studio. Denn hier geht es um die intellektuelle Gretchenfrage der Geschichtsschreibung. Schmidt und Pocher führen mit Playmobilfiguren genau das vor, was man an Wehler immer vermisst hatte: Er schreibe eine Geschichte ohne Menschen, so lautet die gängige Kritik. Den Historiker interessierten eher die anonymen Strukturen und weniger die handelnden Individuen.

          Auf die Darstellung von armen Vertriebenen und Wirtschaftswunder-Konsumbürgern, von scheffelnden Unternehmern und schaffenden Arbeitern, von sich emanzipierenden Frauen und Ex-Nazis mit ihrem fortwirkenden Leistungsfanatismus, von durchgeknallten 68ern und verträumten Friedensbewegten, von Gastarbeitern und den „deutschen Bolschewiki“ in der DDR darf man gespannt sein. Playmobilgeschichte als Fortsetzung der Gesellschaftsgeschichte mit anderen Mitteln. Ist es das, was Harald Schmidt meinte, als er die TV-Kritik Marcel Reich-Ranickis jüngst mit den Worten kommentierte: „Man kann nicht sagen, dass Kultur im Fernsehen nicht stattfindet“.

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