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Schmerzempfinden Neugeborener : Als Jeffreys Mutter Fragen stellte

  • -Aktualisiert am

Frühgeborenes im Kinderkrankenhaus auf der neuen Bult in Hannover Bild: dpa

Noch in den achtziger Jahren operierte man neugeborene Babys ohne Schmerzblockade. Erst als eine Mutter das Narkoseprotokoll einforderte und die Medien informierte, änderte sich alles.

          Jeffrey Lawson wog nur 760 Gramm, als er am 9. Februar 1985 geboren wurde. Seine Mutter Jill, eine Hausfrau aus Maryland, war erst in der 26. Woche schwanger gewesen, als ihr Kind zur Welt kam. Wie viele extrem früh geborene Babys erlitt Jeffrey bald nach seiner Geburt eine Hirnblutung, er bekam Leber- und Nierenprobleme und musste künstlich beatmet werden. Als er zwei Wochen alt war, wurde er in ein Kinderkrankenhaus in Washington verlegt, um operiert zu werden. Ein Blutgefäß in Herznähe, der Ductus arteriosus, hatte sich nicht ordnungsgemäß von selbst verschlossen, nun sollte mit dem anderthalbstündigen Eingriff nachgeholfen werden, um die Überlebenschancen des Kindes zu verbessern.

          Doch Jeffrey Lawson starb fünf Wochen nach dem Eingriff. „Kurz vor seinem Tod erzählte mir eine befreundete Krankenschwester, dass es eine Zeit gegeben habe, in der man Babys ohne Schmerzausschaltung operierte“, erinnerte sich seine Mutter Jill Lawson später. Als Jeffrey gestorben war, ließ ihr der Gedanke keine Ruhe. Sie rief die behandelnde Anästhesistin an. Doch statt sie zu beruhigen, räumte die Ärztin ein, dass Jeffrey tatsächlich keinerlei Schmerzmittel erhalten hatte. Man hatte ihn lediglich mit Pavulon gelähmt, so dass er sich nicht rühren konnte. Das Mittel lässt die Muskeln erschlaffen und hat keinerlei schmerzlindernde Wirkung.

          „Eine unzivilisierte Phase der Medizingeschichte“

          Jill Lawson dachte, dass die Informationen, die sie hatte, reichen würden, um der Anästhesistin ihre Zulassung zu entziehen. Sie gab die Enthüllung an die Chefetage des Krankenhauses weiter und schaltete zwei Anwälte ein. Doch man erklärte ihr letztlich nur, dass die Ärztin gemäß gängigen medizinischen Standards gearbeitet habe. Es sei unüblich, den Schmerz von Früh- und Neugeborenen auszuschalten - selbst wenn, wie in Jeffreys Fall, Haut und Muskulatur durchtrennt, Geräte in den Brustraum eingeführt und abschließend alle Wunden wieder vernäht wurden.

          Jeffrey Lawson wäre heute, hätte er überlebt, noch nicht einmal dreißig Jahre alt. Das Jahr 1985 scheint nur einen Wimpernschlag entfernt. „Ich denke mal, in zehn oder zwanzig Jahren werden wir zurückblicken, sehen, was wir Kindern angetan haben, und denken, dass dies eine unzivilisierte Phase in der Medizingeschichte war“, sagte der amerikanische Kinderarzt und Schmerzexperte Myron Yaster im Jahr 1991 der „Los Angeles Times“ über diese Zeit. Als Yaster mit kalifornischen Journalisten über das Thema sprach, war die Öffentlichkeit seit wenigen Jahren informiert. Die treibende Kraft dahinter war Jeffreys Mutter Jill Lawson gewesen. Sie hatte Briefe an viele medizinische Fachgesellschaften geschrieben und schließlich dafür gesorgt, dass die Medien berichteten. Nach siebzehn Artikeln in Zeitungen und Fachmagazinen und ausgedehnter Fernsehberichterstattung entschied sich die amerikanische Gesellschaft für Kinderheilkunde schon Ende 1986, sich mit einer Stellungnahme gegen die bisherige Handhabung zu positionieren.

          Angefeindet von anderen Ärzten

          Nicht nur in Amerika war es noch zu dieser Zeit üblich gewesen, Früh- und Neugeborene ohne Schmerzausschaltung zu operieren. „Ich habe mein erstes Frühchen am 1. April 1978 behandelt“, sagt Gerhard Jorch, Direktor der Universitätskinderklinik in Magdeburg. „Auf der Station, wo ich tätig war, haben wir großzügig Schmerzmittel gegeben, schlicht und einfach, weil mein Oberarzt damals der Meinung war: Das gehört sich so. Ich weiß aber auch, dass er deshalb massiv angefeindet wurde von anderen Ärzten.“ Die Kollegen sprachen von „Leichtfertigkeit“ und „Hauruck-Medizin“. Die generelle Haltung war, dass man Babys keine Schmerzmittel geben sollte, weil die Medikamente langsamer als bei Erwachsenen abgebaut werden, den Magen-Darm-Trakt lahmlegen und atemdepressiv wirken. Hinter den Eingriffen ohne Schmerzblockade habe also nicht Nachlässigkeit oder Ideologie gestanden, sagt Jorch. Man wog vielmehr ab zwischen dem Nutzen der möglicherweise lebensrettenden OP und dem Risiko, dass das Neugeborene nur wegen starker Opioidpräparate in der Narkose sterben oder Hirnschäden erleiden würde. Zudem war die Auffassung verbreitet, die Schmerzempfindung von Früh- und Neugeborenen sei ohnehin noch nicht weit entwickelt. Zwar hätten auch viele Ärzte durch den direkten Kontakt mit den Babys an dieser These gezweifelt, sagt Jorch. „Ich kann mich aber auch erinnern, damals auf Kongressen gehört zu haben: Wieso braucht man ein Schmerzmittel? Es reicht doch, die Kinder zu fixieren.“

          Dennoch war man in Europa schon in den siebziger und achtziger Jahren traditionell großzügiger mit Opioiden für Babys umgegangen als in den Vereinigten Staaten, wo sich nach Jill Lawsons Enthüllungen eine Debatte auch innerhalb der Ärzteschaft entwickelte. Auf Kongressen sprachen plötzlich Ärzte und Pflegewissenschaftler offen und kritisch über Operationen an Babys ohne Schmerzblockade. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die Publikationen des indischen Arztes Kanwaljeet „Sunny“ Anand, der nach seinem Medizinstudium in Indore in Oxford und Harvard geforscht hatte. Im Januar 1987 veröffentlichte er gemeinsam mit Wolfgang Sippell von der Universitätskinderklinik Kiel im Fachmagazin „Lancet“ eine Forschungsarbeit, für die er eine Gruppe von Babys, die ohne das Opioid-Schmerzmittel Fentanyl eine Ductus-arteriosus-Operation durchgemacht hatten wie Jeffrey Lawson, mit einer zweiten Gruppe verglich, die das Schmerzmittel Fentanyl bekommen hatten. Die Kinder, deren Schmerz nicht ausgeschaltet worden war, wurden nach dem Eingriff von Stresshormonen überflutet, zeigte eine Analyse von Blutproben; zudem bekamen sie stärkere Kreislaufprobleme. Die Publikation gilt heute als Schlüsselarbeit, Anand ließ weitere überzeugende Studien folgen. „Anand hat belegt, dass die Ärzte sich mit dem bisherigen Vorgehen ihre Therapieerfolge kaputtmachten“, sagt Jorch.

          Selbstzerstörerisches Verhalten als Folge

          Noch wenig erforscht sind die Langzeitfolgen für die betroffenen Kinder. Kanwaljeet Anand hat sich auch mit dieser Thematik befasst. Schon vor mehr als zehn Jahren schrieb er zusammenfassend, dass verschiedene Störungen zu erwarten sind, wenn ein Kind früh starken Schmerzerlebnissen ausgesetzt ist. Mit einer erhöhten Ängstlichkeit und einer veränderten Schmerzempfindung sei zu rechnen, außerdem könnten soziale Fähigkeiten vermindert sein, selbstzerstörerische Verhaltensweisen und die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung können in der Folge auftreten.

          „Eingriffe an Babys ohne ausreichende Analgesie - das gibt es heute weltweit nicht mehr“, sagt Bernhard Roth, der Leiter der Neonatologie am Uniklinikum Köln. „Selbst kleinste Frühgeborene von 23, 24 Wochen erhalten hochwirksame Opioide.“ Morphin und Fentanyl sind die Klassiker. Neben den Opioid-Präparaten wurden aber andere Verfahren entwickelt, mit denen der Schmerz bei neugeborenen Kindern, die operiert werden müssen, effektiv ausgeschaltet werden kann und bei denen die noch heute gefürchteten Nebenwirkungen der Morphin-Abkömmlinge nicht auftreten. Bei Leitungsanästhesien etwa wird ein Lokalanästhetikum in die Nähe des Rückenmarks injiziert, das die Weiterleitung des Schmerzes an das Gehirn unterbricht. So können die Babys bei manchen Eingriffen sogar bei Bewusstsein bleiben.

          Neue Regeln auf der Neugeborenenstation

          In der Neonatologie hat man zudem erkannt, dass Babys auch unter Schmerzen leiden können, wenn sie über längere Zeit auf der Intensivstation behandelt werden. Therapien wie eine künstliche Beatmung oder das regelmäßige Absaugen von Schleim aus den Atemwegen können Schmerzen auslösen. Ständige Opioidzufuhr gilt als zu hohes Risiko. Stattdessen werden in großen Zentren nun neue, weniger belastende Verfahren verwendet und erforscht, die solchen Babys mehrere Wochen lang helfen können. „Offenbar kann es die Schmerzreaktion modulieren, wenn man bestimmte Zuckerstoffe oral verabreicht“, erklärt Roth.

          Eine andere Möglichkeit ist ein Nuckel. „Das Saugen aktiviert eine endogene Schmerzhemmung“, sagt Roth. Eine der wichtigsten neuen Erkenntnisse ist aber, dass auch die Trennung des Neugeborenen von der Mutter Schmerz verstärkt. „Schmerzereignisse haben eine ganz andere Auswirkung, wenn die Mutter nicht dabei ist, wenn sie das Kind nicht adäquat trösten kann“, sagt Roth. „Die moderne Neonatologie muss deshalb darauf ausgelegt sein, dass die Mutter-Kind-Dyade nicht getrennt wird.“

          Zu unserer Serie „Über den Schmerz“

          Wir haben viele Krankheiten im Griff, aber nicht den Schmerz. Er plagt, akut oder chronisch, die halbe Bevölkerung - Grund genug für eine Serie von Beiträgen zum Thema.

           

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