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Schmerzempfinden Neugeborener : Als Jeffreys Mutter Fragen stellte

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Dennoch war man in Europa schon in den siebziger und achtziger Jahren traditionell großzügiger mit Opioiden für Babys umgegangen als in den Vereinigten Staaten, wo sich nach Jill Lawsons Enthüllungen eine Debatte auch innerhalb der Ärzteschaft entwickelte. Auf Kongressen sprachen plötzlich Ärzte und Pflegewissenschaftler offen und kritisch über Operationen an Babys ohne Schmerzblockade. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die Publikationen des indischen Arztes Kanwaljeet „Sunny“ Anand, der nach seinem Medizinstudium in Indore in Oxford und Harvard geforscht hatte. Im Januar 1987 veröffentlichte er gemeinsam mit Wolfgang Sippell von der Universitätskinderklinik Kiel im Fachmagazin „Lancet“ eine Forschungsarbeit, für die er eine Gruppe von Babys, die ohne das Opioid-Schmerzmittel Fentanyl eine Ductus-arteriosus-Operation durchgemacht hatten wie Jeffrey Lawson, mit einer zweiten Gruppe verglich, die das Schmerzmittel Fentanyl bekommen hatten. Die Kinder, deren Schmerz nicht ausgeschaltet worden war, wurden nach dem Eingriff von Stresshormonen überflutet, zeigte eine Analyse von Blutproben; zudem bekamen sie stärkere Kreislaufprobleme. Die Publikation gilt heute als Schlüsselarbeit, Anand ließ weitere überzeugende Studien folgen. „Anand hat belegt, dass die Ärzte sich mit dem bisherigen Vorgehen ihre Therapieerfolge kaputtmachten“, sagt Jorch.

Selbstzerstörerisches Verhalten als Folge

Noch wenig erforscht sind die Langzeitfolgen für die betroffenen Kinder. Kanwaljeet Anand hat sich auch mit dieser Thematik befasst. Schon vor mehr als zehn Jahren schrieb er zusammenfassend, dass verschiedene Störungen zu erwarten sind, wenn ein Kind früh starken Schmerzerlebnissen ausgesetzt ist. Mit einer erhöhten Ängstlichkeit und einer veränderten Schmerzempfindung sei zu rechnen, außerdem könnten soziale Fähigkeiten vermindert sein, selbstzerstörerische Verhaltensweisen und die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung können in der Folge auftreten.

„Eingriffe an Babys ohne ausreichende Analgesie - das gibt es heute weltweit nicht mehr“, sagt Bernhard Roth, der Leiter der Neonatologie am Uniklinikum Köln. „Selbst kleinste Frühgeborene von 23, 24 Wochen erhalten hochwirksame Opioide.“ Morphin und Fentanyl sind die Klassiker. Neben den Opioid-Präparaten wurden aber andere Verfahren entwickelt, mit denen der Schmerz bei neugeborenen Kindern, die operiert werden müssen, effektiv ausgeschaltet werden kann und bei denen die noch heute gefürchteten Nebenwirkungen der Morphin-Abkömmlinge nicht auftreten. Bei Leitungsanästhesien etwa wird ein Lokalanästhetikum in die Nähe des Rückenmarks injiziert, das die Weiterleitung des Schmerzes an das Gehirn unterbricht. So können die Babys bei manchen Eingriffen sogar bei Bewusstsein bleiben.

Neue Regeln auf der Neugeborenenstation

In der Neonatologie hat man zudem erkannt, dass Babys auch unter Schmerzen leiden können, wenn sie über längere Zeit auf der Intensivstation behandelt werden. Therapien wie eine künstliche Beatmung oder das regelmäßige Absaugen von Schleim aus den Atemwegen können Schmerzen auslösen. Ständige Opioidzufuhr gilt als zu hohes Risiko. Stattdessen werden in großen Zentren nun neue, weniger belastende Verfahren verwendet und erforscht, die solchen Babys mehrere Wochen lang helfen können. „Offenbar kann es die Schmerzreaktion modulieren, wenn man bestimmte Zuckerstoffe oral verabreicht“, erklärt Roth.

Eine andere Möglichkeit ist ein Nuckel. „Das Saugen aktiviert eine endogene Schmerzhemmung“, sagt Roth. Eine der wichtigsten neuen Erkenntnisse ist aber, dass auch die Trennung des Neugeborenen von der Mutter Schmerz verstärkt. „Schmerzereignisse haben eine ganz andere Auswirkung, wenn die Mutter nicht dabei ist, wenn sie das Kind nicht adäquat trösten kann“, sagt Roth. „Die moderne Neonatologie muss deshalb darauf ausgelegt sein, dass die Mutter-Kind-Dyade nicht getrennt wird.“

Zu unserer Serie „Über den Schmerz“

Wir haben viele Krankheiten im Griff, aber nicht den Schmerz. Er plagt, akut oder chronisch, die halbe Bevölkerung - Grund genug für eine Serie von Beiträgen zum Thema.

 

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