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Schmerz in der Kunst : Warum schreit Laokoon nicht?

Schreit Laokoon nicht, weil er gerade Atem holt? Oder weil es nicht schön wäre? Hat die Schlange schon gebissen oder beißt sie erst noch? Bild: Image Broker/Raimund Kutter

Weil er es nicht kann? Weil es lächerlich wäre? Weil Bilder eben nicht schreien? Seit Johann Joachim Winckelmann an der Laokoon-Gruppe das Ideal klassischer Kunst verdeutlicht hat, wird darüber diskutiert.

          Wer entsetzliche Schmerzen hat, schreit. An den Schmerzen des trojanischen Priesters Laokoon und an ihrer Größe kann gar kein Zweifel sein. Dem zweiten Gesang von Vergils „Aeneis“ zufolge - es gibt auch andere mythologische Herleitungen der Szene - hatte Laokoon als einziger Trojaner die List des Holzpferdes erkannt, in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß: „Elende, ruft er von fern, welch rasender Wahn, o ihr Bürger? / Glaubt ihr hinweggefahren den Feind? und hofft ihr, betruglos / Komme vom Danaervolk ein Geschenk? So kennt ihr Ulixes?“ Und er hatte seinen Speer am Leib des Pferdes erprobt, worauf es hohl tönte. Da schickte Athene zwei riesige Meerschlangen, ihn und seine Söhne zu töten.

          Bei Vergil schreit Laokoon, mit dem Gebrüll des Opfertiers: „Ganz von Eiter die Bind’ und schwärzlichem Gifte besudelt; / Und graunvolles Geschrei hochauf zu den Sternen erhebt er: / So wie Gebrüll auftönt, wann blutend der Stier vom Altare / Floh und die wankende Axt dem verwundeten Nacken entschüttelt.“ Die Trojaner sind entsetzt und missdeuten, doppelt getäuscht, diesen schrecklichen Tod als Strafe für den vermeintlichen Frevel Laokoons mit seiner Lanze an der griechischen Gabe.

          Lessing und Laokoon

          Die sogenannte Laokoon-Gruppe, eine gut 2,40 Meter hohe Marmorskulptur, die 1506 in der Nähe von San Pietro in Vincoli gefunden wurde, ist römischer Herkunft und stammt vermutlich aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. Im Jahr 1766 nimmt sie Gotthold Ephraim Lessing zum Anlass, um grundsätzliche Fragen über das Verhältnis von erzählender und Bildkunst aufzuwerfen. In ihrem Zentrum steht die Frage, warum Laokoon im Bildnis nicht schreit.

          Sie war zehn Jahre zuvor schon von Johann Joachim Winckelmann aufgeworfen und mit der berühmten Definition beantwortet worden, die Meisterstücke der griechischen Kunst verwirklichten „edle Einfalt und stille Größe“. Der Körper winde sich vor Schmerzen, um sie zu zeigen habe der Künstler auf ein Gewand verzichtet. Das Gesicht jedoch, in dem sich die Seele zeige, bleibe ruhig wie - eine überraschende Analogie - „die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten“.

          Die bildende Kunst nutzt den Moment

          Das Gesicht als Spiegel der Tiefe, der Schmerz als Oberfläche: Winckelmann setzte mit diesen paradoxen Bemerkungen eine Tradition in Gang, in der die ästhetischen Funktionen der Kunst zugleich als anästhetische aufgefasst wurden. Sie zeigt, wie Schmerz verwunden werden kann. Vergil erhält von Winckelmann folgerichtig einen Rüffel: Schreien ist unantik und insofern unästhetisch.

          Dem widersprach Lessing. Nicht nur fand er in „Ilias“ und „Odyssee“ zahllose Szenen, in denen Griechen sich alles andere als stoisch verhalten. Homers Helden sind keine Indianer, zwischen Weinen, Brüllen und Seelengröße sehen sie keinen Widerspruch. Doch weniger die Mentalitäts- und Kulturgeschichte, sondern der Medienwechsel erklärt für Lessing, dass Laokoon in der Skulptur nicht schreit. Bei Vergil, das hatte 1715 schon der englische Maler Jonathan Richardson notiert, schreit Laokoon, weil das Schreien ja erzähllogisch Entsetzen bei den Trojanern auslösen soll.

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