https://www.faz.net/-gsf-7r2b0

Schmerz in der Kunst : Warum schreit Laokoon nicht?

In der Literatur gibt es also, anders als in der Skulptur, zwei Betrachter des Schmerzes: die Figuren und die Leser. Lessing lässt das gelten, fügt aber hinzu, dass es bei Vergil sogar drei Betrachter sind, weil das Ende Trojas dort ja von Aeneas Dido erzählt wird. Wichtiger ist für ihn, Lessing, dass Malerei und Skulptur nicht über das Nacheinander einer Erzählung verfügen, um den Charakter des Laokoon darzustellen und dadurch Mitleid zu bewirken. Weil die bildende Kunst nur den Augenblick hat, darf sie, soll es zum mitfühlenden Nachdenken des Betrachters kommen, weder ein Minimum noch ein Maximum an Affekt zeigen - beides würde die Einbildungskraft schwächen. Laokoon schreit im Bildnis also nicht, weil so jene reflektierte Rührung des Betrachters größer ist, die der Dichter auf ganz anderem Wege bewirken kann.

Ohne Laut, ohne Wirkung

Wieder anders erklärte kurz darauf der Berliner Altertumsforscher Aloys Hirt 1796 in Schillers „Horen“ die Sache: Der antike Künstler habe eben genau gewusst, was er zeige, beim Erstickungstod sei im letzten Krampf gar keine Äußerung mehr möglich, „Laokoon schreiet nicht, weil er nicht mehr schreien kann“. Dieser medizinische Scharfsinn ließ allerdings die Rückfrage aus, weshalb der Künstler wohl gerade jenen Moment der Unfähigkeit zu schreien gewählt hatte. Doch schon Goethe meinte 1769 beobachtet zu haben, Laokoon schreie nicht, weil seine Bauchmuskulatur in diesem Moment es gar nicht erlaube.

1797 widmet er dem Laokoon einen eigenen Aufsatz mit der These, Skulptur könne eben doch Zeit sichtbar machen, und gerade diese tue es, indem sie zwei gegensätzliche Zustände in einen Körper banne: den Versuch, sich der Schlange zu entwinden, und die Reaktion auf den Biss - ohnmächtige Anstrengung und Schmerz. Dem entsprächen beim Betrachter die Wahrnehmung des herannahenden Übels (Furcht), die des Leids (Schrecken) und die Anteilnahme (Mitleid) (Inka Mülder-Bach, „Sichtbarkeit und Lesbarkeit. Goethes Aufsatz ,Laokoon‘“).

Gut zwanzig Jahre danach nimmt Arthur Schopenhauer im § 46 von „Die Welt als Wille und Vorstellung“ die Frage, warum Laokoon nicht schreit, noch einmal auf. Über Lessings These, bildende Kunst könne vorübergehende Zustände nicht schildern, schüttelt er dabei angesichts vieler Gegenbeispiele ebenso nur den Kopf wie über Hirt und Goethe. Es liege doch auf der Hand, weshalb Laokoon nicht schreie: Weil die Wirkung des Schreiens auf dem Laut beruht und Marmor keinen von sich gibt. Der Künstler hätte den Trojaner nicht schreien, sondern allenfalls den Mund aufreißen lassen können. Das wiederum hätte nur Vergeblichkeit, nicht Schmerz dargestellt. Nur in der Dichtung, im Epos und noch mehr auf der Bühne, könne geschrieben werden, ohne dass es lächerlich wirke.

Vielleicht passt dazu eine Überlegung von Walter Benjamin. Der hat einmal notiert, dass die deutsche Sprache für die Lust über ihre Beschreibung als „süß“ nicht weit hinauskomme, für den Schmerz aber eine ganze Reihe von qualifizierenden Partizipien und Eigenschaftsworten kenne: stechend, beißend, brennend, brüllend, dumpf und so weiter. Bei Vergil schreit Laokoon „wie ein Stier“ - über dieses „wie“ gebietet die Bildkunst nicht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.