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Krankheit Schmerz : Die Schmach unserer Zivilisation

Migräne und Spannungskopfschmerzen gehören zu den häufigsten Schmerzerkrankungen. Bild: ZB

Fünfzehn Millionen Deutsche leiden dauerhaft unter Schmerzen. Die Schmerzerkrankungen sind nicht „im Griff“. Sie summieren sich zu einem Kontrollverlust, der die gesamte Gesellschaft betrifft: Zum Beginn unserer Serie.

          Aus dieser Falle kommen wir nicht ohne die bittere Einsicht heraus, dass nichts hilft außer die Mauern der Medizin einzureißen: Schmerz ist eine Krankheit, nicht bloß Symptom! Er verändert uns, unsere Persönlichkeiten und damit das Land. Fünfzehn Millionen Bürger leiden an dauerhaften Schmerzen, 54 Millionen sind es, wenn wir die Bürger mit mehr oder weniger regelmäßigen Attacken hinzuzählen. 29 Millionen von ihnen leiden regelmäßig an Spannungskopfschmerz, im Mittel 35 Tage im Jahr; 21 Millionen werden an durchschnittlich 34 Tagen im Jahr von der Migräne praktisch lahmgelegt. Allein Rückenschmerzen, die heute mehr als neunzig Prozent der Bevölkerung irgendwann im Leben zum Arzt treiben, verursachen volkswirtschaftliche Kosten von mehr als 48 Milliarden Euro, drei Viertel durch Arbeitsausfall und Frühverrentung.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Als der Philosoph und Patient Hans-Georg Gadamer, vom Ischias geplagt, im Spätjahr 2000 an der Orthopädischen Universitätsklinik in Heidelberg vor der künstlichen Betäubung des Schmerzes warnte und das Leiden als eine Aufgabe beschrieb, mit der sich der Mensch produktiv auseinandersetzen (ihn „verwinden“) sollte, da kam der medizinische Sonderstatus von Schmerz überdeutlich heraus: Schmerz ist eine höchst subjektive Angelegenheit. Oft wird er als die Sprache des Körpers gesehen, wenn auch als die brutalstmögliche, die ihre evolutionäre Signalfunktion zu erfüllen und vor gefährlichen Störungen im Grundgefüge des Menschen zu warnen hat. Das gilt allerdings nur für den akuten Schmerz, der vergeht.

          Ein Heer von „Hobby-Schmerztherapeuten“

          Etwas völlig anderes ist das Erleiden dauerhaften, chronischen Schmerzes. Er verändert die Selbstwahrnehmung der Menschen radikal, und das Schlimme ist: Er will nicht vergehen. Er ist die zivilisatorische Schmach schlechthin. Wer ihn hat, kann ihm nur schwer entrinnen, wir erzeugen ihn und verstärken ihn stattdessen immerfort und überlassen, wie der Göppinger Mediziner Gerhard Müller-Schwefe als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin klagt, die Bewältigung der Schmerzkrise einem stehenden, schwachen Heer von „Hobby-Schmerztherapeuten“. Wer Schmerzen dauerhaft ertragen muss, ist nicht mehr der Mensch, der er war - oder sein könnte.

          Chronischer Schmerz und der „totale Schmerz“, wie der französische Soziologe David Le Breton das Leid bezeichnete, das ein Leben komplett bestimmt, bedeuten den völligen Kontrollverlust. Und der ist keineswegs auf den Körper als Schmerzquelle beschränkt. Überforderung, Missbrauch oder die soziale Isolation, die in den Ganzkörperschmerz führen, bewirken dasselbe: Die Steuerung des Nervensystems verändert sich, die angeborene Schmerzkontrolle geht verloren, ein Schmerzgedächtnis verankert sich dauerhaft im Gehirn. Physis und Psyche sind hier verdrahtet bis zum bitteren Ende.

          Verkanntes Volksleiden

          Unsere Gesellschaft hat darin versagt, diesen Kontrollverlust als das wahrzunehmen, was er ist: ein veritables Volksleiden, die chronische Schmerzkrankheit, die mit der beiläufigen Aufmerksamkeit, wie sie in der konventionellen Medizin üblich ist, kaum zu beherrschen ist. In dreißig Jahren ist man über eine Erweiterung des Curriculums im Medizinstudium nicht hinausgekommen.

          Realität ist stattdessen der so verzweifelte wie vergebliche Versuch der Gepeinigten, ihrer Dauerkrise im Selbstversuch zu entrinnen: Mehr als drei Milliarden Schmerztabletten, so hat der Kieler Kliniker Hartmut Göbel kalkuliert, werden inzwischen jedes Jahr eingenommen, die meisten ohne Arztbegleitung, zu 85 Prozent bei quälendem Kopfweh. Allein die Lufthansa verteilt jährlich 1,2 Millionen Schmerztabletten. Mehr als acht Millionen Deutsche nehmen jeden Tag Analgetika. Zehn der zwanzig meistverkauften Pillen überhaupt sind gegen Kopfschmerz gerichtet. Wegen zu hohen Schmerzmittelkonsums sind vermutlich schon ein Drittel der 30 000 Nierenkranken im Land dialyseabhängig. Die Schmerzmedizin, es ist nicht mehr zu leugnen, ist der medizinische Steinbruch einer nur vermeintlich beweglichen, fortschrittlichen Kultur.

          Zu unserer Serie „Über den Schmerz“

          Wir haben viele Krankheiten im Griff, aber nicht den Schmerz. Er plagt, akut oder chronisch, die halbe Bevölkerung - Grund genug für eine Serie von Beiträgen zum Thema.

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