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Geburtsschmerz : Wer Linderung verlangt, ist keine „Memmenmutter“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Aushalten - das wird Frauen in den Wehen bis heute gepredigt. Die Skepsis gegenüber Medikamenten gegen den Geburtsschmerz hat historische Wurzeln. Und sie ist unberechtigt.

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          Es ist kaum vorstellbar, dass Patienten beim Zahnarzt aufgefordert würden, sich dem Zahnschmerz „hinzugeben“. Kein Palliativmediziner würde einem Krebskranken versichern, der Tumorschmerz verringere sich, „wenn man ihn ohne Widerstand annimmt“. Exakt solche Ratschläge erhalten jedoch Schwangere auch heute noch, wenn es um den Geburtsschmerz geht. Wer Linderung wünscht, ist für manche schon abgestempelt: Eine rückenmarksnahe Betäubung oder Periduralanästhesie „kriegen doch eigentlich nur Schwangere, die es normal nicht hinbekommen mit der Geburt. Die Memmenmütter. Die eine natürliche Geburt wollen, aber bitte ohne Schmerzen“ schreibt zum Beispiel Charlotte Roche in ihrem Roman „Feuchtgebiete“. Welche Denkmuster ruft hier eine Gesellschaft auf, die ansonsten gegen jedes kleinste Wehwehchen Abhilfe anbietet?

          Da bricht sich natürlich die Tradition eines „Survival oft the fittest“ Bahn, die auch in der Geburtsmedizin ihre Pendants hat. Der Aburteilung der Zimperlichen steht die Verherrlichung einer Geburt gegenüber, die nicht von zivilisatorischer Degeneration angekränkelt ist. Landarbeiterinnen „werfen (ihre Kinder) rasch im Feld, lachen und nehmen dann ihre Arbeit wieder auf, fast ohne Unterbrechung“, schrieb Grantly Dick-Read (1889 bis 1959), Farmerssohn und Frauenarzt aus England. Read wurde zum Chefideologen der Verweigerer von jeglicher Hilfe für die Gebärende. Eine natürliche Geburt koste nur wenige Frauen ihr Leben, so Dick-Read, diese würden ohne Trauer sterben, „wüssten sie doch, dass sie nicht in der Lage seien, Kinder im Geiste der Väter hervorzubringen“ (zitiert aus „Anesthesiology“, Bd. 84(4), S. 955). Belegen konnte er das nie. Aber auch heute verklärt so mancher den natürlichen Geburtsablauf, ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass es Gebärenden in Entwicklungsländern, wo keine Schmerzstillung zur Verfügung steht, keineswegs gut geht. Untersuchungen im Stamm der Yoruba in Nigeria oder den Einwohnern von Enugu zeugen davon, dass Geburtsschmerzen als Bedrohung empfunden werden. Mehr als zwei Drittel beschrieben die Schmerzen als schwer erträglich, 86 Prozent der Frauen wünschten sich dringend irgendeine Art von Schmerzlinderung („Journal of Obstetrics and Gynaecology“, Bd. 26(4), S. 33, 2006).

          Heute gibt es Hilfe

          Hier und heute gibt es natürlich Abhilfe. Wer seine Kinder nicht lachend am Feldrand werfen kann, bleibt nicht allein: „Wenn eine Frau Hilfe gegen die Geburtsschmerzen braucht, dann bekommt sie sie auch“, stellte Babett Ramsauer, die kommissarische Leiterin der Klinik für Geburtsmedizin der Vivantes-Kliniken in Berlin-Neukölln auf dem letzten Kongress für Perinatale Medizin unmissverständlich klar. Bei den sanften Verfahren – Homöopathie, Aromatherapie und Hypnose bis zur Massage – bleibt es in der Regel nicht, die Wirksamkeit ist ohnehin umstritten. Klassische Analgetika, krampflösende Mittel oder Opioide stellen die nächste Stufe dar, sind indes eher kontraproduktiv, weil sie die Wachheit der Mutter mindern, die Wehen schwächen oder die Atmung des Ungeborenen beeinträchtigen. Eines der am häufigsten angewandten Verfahren zur Schmerzstillung in der Geburtsmedizin ist deshalb die Periduralanästhesie (PDA), die auf einer rückenmarksnahen Blockade von Nerven beruht. Etwa die Hälfte der vaginalen Geburten soll mittlerweile unter PDA stattfinden („AINS“ Bd. 42(5), S. 341). Seit neuestem erlebt Lachgas eine Renaissance. Es ist hierzulande noch nicht so populär wie in Großbritannien, Kanada, Australien oder Finnland, wo Lachgas schon bei jeder zweiten Geburt zum Einsatz kommt. Die Gasmoleküle greifen am NMDA-Rezeptor im Gehirn an und wirken eher euphorisierend als einschläfernd.

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