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Schlacht von Gallipoli : Ein türkischer Sieg wird zur Waffe

  • -Aktualisiert am

Gedenkstätte für türkische Soldaten in Gallipoli Bild: Reuters

Die verlustreiche Schlacht von Gallipoli, in der die Osmanische Armee 1915 die Invasion der türkischen Halbinsel durch die Entente-Mächte abwehrte, ist erst islamisiert worden. Nun soll das Gedenken vom Völkermord an den Armeniern ablenken.

          Die Schlacht von Gallipoli steht bis heute im Zentrum der Gedenkkultur nicht nur der Türkei, sondern auch Australiens und Neuseelands. Letztere waren als Anzac – das Akronym fürs „Australian New Zealand Army Corps“ der britischen Streitkräfte – am gescheiterten Dardanellenfeldzug beteiligt, mit dem den Osmanen die Kontrolle über den Bosporus entrissen werden sollte. Die Schlacht von Gallipoli jährt sich nun zum hundertsten Mal.

          Bei Siegern wie Verlierern von damals hat die Erinnerung an dieses hierzulande weitgehend vergessene Kriegsgeschehen längst die Form eines nationalen Kults angenommen. Diese Entwicklung hat der frühere türkische Anglistik-Dozent Kenan Çelik, der seit vielen Jahren Touristen zu den einstigen Kriegsschauplätzen führt, genau verfolgt. Die Initialzündung, schrieb er unlängst in der Istanbuler Zeitschrift „Turkish Policy Quarterly“, sei 1981 der Film „Gallipoli“ des australischen Regisseurs Peter Weir gewesen. Mit Mel Gibson in einer der Hauptrollen führt Weir am Beispiel des Einsatzes der australischen Landetruppen, die wie ihre neuseeländischen Kameraden in Gallipoli ins Maschinengewehrfeuer der Türken liefen und 7925 Tote zu beklagen hatten, die Sinnlosigkeit dieses Kriegseinsatzes vor Augen. Von den Australiern und Neuseeländern wurde er dennoch als Feuertaufe ihrer damals noch jungen Nationen verinnerlicht.

          Während dieser Film seinerzeit im Ausland auf Kritik stieß, weil er die britischen Befehlshaber als skrupellos darstellte, wurde er im Heimatland des Regisseurs begeistert aufgenommen. Australier und später auch Neuseeländer – von ihnen fielen während der Landung 2445 Soldaten – pilgerten daraufhin in immer größeren Zahlen nach Gallipoli. Mittlerweile sind es Tausende, die jedes Jahr dort am 25. April den „Anzac Day“ begehen.

          „Mehmets“ gegen „Johnnies“

          Auftritte von Politikern sind längst Routine, und trotz aller patriotischen Rhetorik war man von Anfang an auch um Versöhnung mit der türkischen Seite bemüht. So ließ 1985 Australiens Minister für Veteranenangelegenheiten unweit der Landestelle bei Gaba Tepe (Ariburnu) eine monumentale Schrifttafel aufstellen: mit Atatürks Grußworten, die der türkische Präsident 1934 an die ersten angelsächsischen Besucher des Ortes richtete. 1915 war ihm als jungem Offizier unter dem Kommando des deutschen Verbündeten Otto Liman von Sanders die Abwehr der Anzac-Truppen gelungen. Das hatte ihn berühmt gemacht, und 1934 würdigte er mit seiner Geste die Opfer beider Seiten: die „Mehmets“ wie die „Johnnies“, die er als „Helden“ und „Brüder“ bezeichnete.

          Der Besucherstrom aus Übersee ließ Çelik zufolge auch das türkische Interesse an diesem Ort wachsen. Lange Jahre wurden zwar in der Türkei am 18.März (dem Tag, an dem die Osmanen mit deutscher Hilfe mehrere Schiffe der Entente in den Dardanellen versenkt und den Flottendurchbruch verhindert hatten) alljährlich Gedenkveranstaltungen abgehalten, aber Gallipoli als Ort spielte dabei eine eher marginale Rolle. Erst Anfang der neunziger Jahre wurde dort ein Friedhof zu Ehren der osmanischen Gefallenen eingerichtet und neben einem bereits 1960 aufgestellten Denkmal für alle türkischen „Märtyrer“ ein zweites für die Opfer des von Atatürk befehligten 57.Infanterieregiments errichtet.

          Akten noch immer unter Verschluss

          Folgte man dabei noch der kemalistischen Gedenkpolitik, die besonders die Rolle Atatürks hervorhob, sollten sich in den letzten Jahren unter der AKP-Regierung die Koordinaten verschieben. Sie will das Gedenken an die Dardanellen-Schlacht popularisieren und auch islamisieren. Schon vor der AKP-Ära aber sei, so konstatierte unlängst der Istanbuler Soziologieprofessor Ayhan Aktar, das offizielle türkische Geschichtsbild von der Gallipoli-Schlacht wegen seiner Fixierung auf das Türkentum problematisch gewesen. Dass auch Angehörige anderer Ethnien bei den Osmanen kämpften, habe man ebenso ausgeblendet wie den militärischen Beistand der Deutschen marginalisiert. Die Namen der deutschen Soldaten, die Aktar in diesem Zusammenhang nennt, dürften der Studie „Gallipoli 1915 – Das deutsch-türkische Militärbündnis im Ersten Weltkrieg“ des Bundeswehr-Obersten Klaus Wolf entnommen sein, die hierzulande 2008 und im vergangenen Jahr in Übersetzung in der Türkei erschienen ist, wo sie breite Rezeption erfahren hat. Aus Sicht des türkischen Soziologen ist hier weitere Aufklärung nötig, und er kritisiert, dass die den damaligen Kriegseinsatz der Deutschen betreffenden Akten im Archiv des türkischen Generalstabs immer noch unter Verschluss seien.

          Archivbild von 1915: türkische Soldaten mit Flagge in Gallipoli

          Aktars Kritik richtet sich auch gegen die Gedenkpolitik der AKP. Sie sorge dafür, dass immer mehr Gruppen – Schüler wie Erwachsene – Gallipoli besuchten und dabei das tendenziöse Bild von einer „osmanisch-islamischen Abwehrschlacht gegen die Ungläubigen“ eingetrichtert bekämen. Die kemalistische Lesart von der „glorreichen türkischen Armee“ werde damit für obsolet erklärt; die Besichtigungen glichen, so Aktar, immer mehr religiösen Pilgerreisen. Tatsächlich beklagte schon vor zehn Jahren die Zeitung „Milliyet“, dass AKP-Anhänger in Gallipoli Geschichtserziehung im Geiste des Dschihad erführen und respektlos auf den Soldatenfriedhöfen der Ausländer picknickten. Aktar zufolge hat diese Geschichtsauffassung in den letzten Jahren zunehmend Verbreitung gefunden. Als Beleg führt er Erdogans Statement von September 2013 an, in dem der damalige türkische Ministerpräsident den westlichen Angriff auf die Dardanellen einen „Kreuzzug“ nannte.

          Diese Tendenz war auch bei den jüngsten offiziellen Gallipoli-Feiern am 18.März erkennbar. So zog Mehmet Görmez, der Leiter des türkischen Amts für Religionsangelegenheiten (Diyanet), den Zorn des Vorsitzenden der Kemalisten-Partei CHP Kemal Kiliçdaroglu auf sich, als er bei einer den türkischen Kriegsopfern gewidmeten Zeremonie auf Gallipoli Atatürk nur am Rande erwähnte und ihn nicht als „Vater der Türken“ (die wörtliche Übersetzung von Atatürk) bezeichnete, was Kiliçdaroglu als „undankbar“ geißelte. Der Vorfall ist für die Debatte symptomatisch, die in der Türkei seit einigen Jahren mit zunehmender Schärfe um die Figur des Staatsgründers Mustafa Kemal geführt wird: AKP-Kader meiden systematisch dessen Ehrentitel Atatürk und nennen ihn stattdessen „Gazi“ – eine Ehrenbezeichnung für einen islamischen Eroberer, mit der Kemal in der vorrepublikanischen Zeit für seine Kriegsverdienste gewürdigt wurde. Auffällig mit religiöser Symbolik überfrachtet war denn auch die Ansprache von Görmez, in der er immer wieder mit einer arabischen Formel Gott anrief, was seinen Worten islamische Authentizität verleihen sollte.

          Ablenkung vom Völkermord

          Dieser Geist weht auch durch die März-Ausgabe des Diyanet-Magazins, die sich dem hundertsten Jahrestag der Gallipoli-Schlacht widmet. Der Name „Atatürk“ taucht in dem 84 Seiten starken Heft nur ein einziges Mal auf: in einem Interview mit Mehmed Niyazi, dem Autor populärhistorischer Werke und Romane. Seine 1999 erschienene Erzählung „Die Apokalypse von Gallipoli“ hat mittlerweile die 52.Auflage erreicht und etliche Film- und Bühnenverarbeitungen inspiriert. Niyazis Erfolg rührt auch daher, dass er, basierend auf jahrelangen Recherchen, die Kämpfe realistisch schildert und entmystifiziert – so auch den Anteil Atatürks am militärischen Erfolg, der von seinen Verehrern stets überzeichnet worden ist.

          Sie beharren auf einer Version ihres Idols, in der Religiöses nichts zu suchen hat. Doch der Schriftsteller Niyazi lässt im Interview den Kriegshelden in einem ungewohnten Licht erscheinen: Mitten im Kampf habe er die Aufopferungsbereitschaft seiner Soldaten gerühmt, insbesondere auch derjenigen, die sich, durch den Koran gestärkt, für das Jenseits bereitmachten. Solcher Re-Islamisierung des Bildes vom heldenhaften Abwehrkampf leistet in dem Diyanet-Heft auch Yavuz Bahadiroglu, ein populärer, von der AKP hofierter Historiker der osmanischen Ära, Vorschub. Er verweist gern auf einen Aspekt deutsch-türkischer Waffenbruderschaft, der in beiden Ländern lange verdrängt wurde. Das wilhelminische Kaiserreich hatte nämlich damals gezielt versucht, bei den Osmanen den Dschihad-Geist zu entfachen, und hoffte so auch andere Muslime gegen seine Kriegsgegner zu mobilisieren. Bahadiroglu illustriert dies mit einer Szene, in der Oberbefehlshaber von Sanders bei einer Inspektion der türkischen Truppen deren Kampfruf „Für Allah!“ mit „Bravo!“ gelobt habe.

          Die türkische Hundert-Jahr-Feier vom März sollte aber nur der Auftakt sein zu einer zweiten am 24. April, einen Tag vor dem „Anzac Day“. Die von Ankara angekündigte Gallipoli-Gedenkfeier, der am kommenden Donnerstag in Istanbul noch ein internationaler „Friedensgipfel“ vorausgehen soll, steht zwar offiziell im Zeichen von Völkerverständigung. Sie soll aber offensichtlich auch vom gleichzeitig stattfindenden Gedenktag für den Völkermord an den Armeniern ablenken. Erdogan, der Einladungen an mehr als siebzig Staatschefs schickte, besaß sogar die Dreistigkeit, seinen armenischen Amtskollegen einzuladen. Wie dieser hat auch die deutsche Regierung abgesagt. Aus Australien und Neuseeland hingegen haben sich die jeweiligen Regierungschefs angemeldet. Ihre demnächst in Gallipoli zahlreich eintreffenden Landsleute werden sich allerdings bei der diesjährigen Anzac-Feier einem neuen Diktat der türkischen Regierung beugen müssen: In diesem Jahr ist Alkohol dabei verboten.

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