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Anne Webers Schiller-Rede : Hier kommt Schiller, wer lässt sich mitreißen?

  • -Aktualisiert am

Angeregt und provoziert von einem Klassiker: Anne Weber Bild: Lucas Bäuml

Fällt heute der Name Schiller, reagieren manche mit müdem Lächeln. Aber wie kann man gleichgültig bleiben vor seiner Kraft, vor allem der seiner Dramen? Ein Blick auf Friedrich Schillers Weltverständnis.

          11 Min.

          Mensch, sagte ich mir, den November vor Augen und in Schiller versunken, du kannst doch nicht vor den Leuten stehen und in gesetztem Ton einen Vortrag halten, du kannst doch zu diesem Anlass nichts Gefriergetrocknet-Gescheites runterleiern? Hast du denn Schiller gar nicht gelesen? Hat er dich denn gleich­gültig gelassen, oder bist du durchs Feuer seiner Gedanken und dramatischen Ein­bildungen gegangen? Bist du fühllos ge­blieben wie ein morscher Balken, oder hast du, manchmal wenigstens, Schwingen bekommen? Sieh dieses glatte, gebleichte Papier, sieh diese schwarzen, starren Buchstaben darauf — hey, ihr kleinen, eckigen Tintengesellen, lang genug geschlafen, hier kommt Schiller, setzt euch in Bewegung, wer führt den Tanz an?

          Natürlich dürfte es Menschen geben, die nur ein müdes Lächeln aufbringen, wenn der Name Schiller fällt. Die ein akademisches Interesse heucheln oder sich zu einem herablassenden Halblob hinreißen lassen, vielleicht als Protest gegen einen unliebsamen Schillerkult, von dem in letzter Zeit allerdings nicht mehr viel übrig­ geblieben ist. Wie kann man aber nur, wenn es um Schiller geht, so viel Distanziertheit und Reserve aufbringen? Wer ihn liest, wer vor allem seine Dramen liest und nicht mitgerissen wird, wer diese geballte Kraft nicht spürt, diesen gespannten Bogen nicht zittern sieht, dem kann vermutlich von mir nicht geholfen werden.

          Doch möge er wenigstens versuchsweise kurz aus seiner hohen Warte oder aus seinem festgestampften Standpunkt treten und einen Blick in das Mannheimer Theater werfen, in dem am 13. Januar 1782 die Uraufführung der „Räuber“ stattfand: „Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür.“

          Ich knirsche lesend mit den Zähnen

          Ein befremdetes Lächeln tritt auf die Gesichter der distanzierten Schiller-Skeptiker von heute. Sie sind es gewohnt, dass im Theater nicht der Zuschauerraum, sondern die Bühne einem Irrenhaus gleicht, während sie selbst gähnend im Publikum sitzen. In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich die Erdatmosphäre erwärmt; das kulturelle Gemütsklima jedoch hat sich in Europa aus Gründen, die wir ahnen können, stark abgekühlt: Schon lange ist niemand mehr bei einem Theaterbesuch in Ohnmacht gefallen.

          Es scheint sich zu bewahrheiten, was der anfangs vielleicht etwas neidische und Goethe noch feindlich gesinnte Schiller an diesen schrieb, nämlich, „daß das Vortreffliche eine Macht ist, daß es auf selbstsüchtige Gemüther auch nur als eine Macht wirken kann, daß es dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit geben kann als die Liebe“. Und so ist es nun also: Ich knirsche lesend manchmal mit den Zähnen, trage Schiller insbesondere seine Miss­achtung der Christiane Vulpius nach und ansonsten: Je l’aime et je m’incline.

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