https://www.faz.net/-gqz-9qvdh

Kulturgüter aus Afrika in Köln : Scham und Stolz

Maske mit Tapa-Stoff aus Neuseeland im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln Bild: Picture-Alliance

Wie können Objekte aus hiesigen Sammlungen wieder in ihren Herkunftsländern präsentiert werden? Köln debattiert über afrikanische Kulturgüter. Ziel: eine Ausstellung, die in Nairobi, Köln und Frankfurt gezeigt werden soll.

          3 Min.

          Was da seine Schatten vorauswerfen soll, blieb etwas vage und wenig konkret, womöglich wissen die Künstler, Kuratoren und Ethnologen das selbst noch nicht so genau. Dabei haben zwei Runden des „Nairobi-Köln-Dialogs“ bereits stattgefunden, beide in der kenianischen Hauptstadt, die dritte kam nun am Rhein zusammen. „International Inventories Program“ (IIP) heißt das Projekt, das zu Kulturgütern aus Kenia, die sich außerhalb des Landes befinden, recherchiert und eine Ausstellung konzipiert, die im September 2020 im Nairobi National Museum sowie im Mai und September 2021 im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln und im Weltkulturen Museum in Frankfurt gezeigt wird. Das Goethe-Institut hat das Vorhaben in seine „Excellence Initiative“ aufgenommen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Neben den drei Museen sind die Künstlerkollektive „The Nest“ und „Shift“, das eine aus Kenia, das andere aus Deutschland, beteiligt, und das mag den neuen Ansatz ausmachen. Gemeinsam wollen sie der Frage nachgehen, wie die Objekte, die sich derzeit (meist seit Jahrzehnten) auf der Nordhalbkugel befinden, in Kenia (wieder) präsentiert werden können, und auch mit Video, Fotografie, Installation und neuen Medien arbeiten. Dabei soll mit neun „Object Movement Dialogues“ ein Forum etabliert werden, das Aspekte des kulturellen Erbes, der Provenienz, der Restitution und der Bedeutung am Einzelfall dekliniert und dabei die afrikanischen Positionen und Perspektiven ins Zentrum rückt. „Dekolonisation des Diskurses“ lautet das Stichwort.

          „IIP“ mag das Forschungsfeld neu beackern und ausdehnen, aber es fällt nicht auf unvorbereiteten Boden. Die Debatte um die Restitution des afrikanischen Erbes hat mit der Rede von Emmanuel Macron am 28. November 2017 in Ouagadougou, in der er versprach, innerhalb von fünf Jahren die Bedingungen für temporäre oder definitive Rückgaben zu schaffen, eine radikale Wende genommen, und die Studie, welche die in Paris und Berlin lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr in seinem Auftrag erarbeiteten, skizziert schon den Plan der baldigen Umsetzung. Savoy erläuterte in Köln auch, wie es dazu kommen konnte: Ein junger Präsident, noch keine vierzig Jahre alt und popkulturell sozialisiert, sprach vor achthundert Studenten und nahm erstmals das Wort „Restitution“ wieder in den Mund, das wegen seiner rechtlichen Implikationen in französischen Institutionen zweihundert Jahre lang nicht benutzt worden war. Die Einlassung habe nicht im Redemanuskript gestanden: „Ein Donnerschlag!“

          Ein erster Schritt

          Die Bedeutung der Rückgabe für die Afrikaner stellte die Künstlerin und „feministische Denkerin“ Njoki Ngumi heraus: Welche Lücken die Objekte in der Geschichte des Kontinents hinterlassen und wie sich diese durch die Abwesenheit verändert haben – das seien Themen, auf die das Publikum in Kenia neugierig sei. Dabei generierten die bedeutenderen Artefakte jeweils eigene Debatten, Narrative, Rituale und Ökonomien. Auch deshalb müssten althergebrachte Strukturen aufgebrochen und die Museen lebendige Orte werden.

          Nanette Snoep, seit Januar Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums, erinnerte sich, dass das Wort „Restitution“, als 2006 das Musée du Quai Branly in Paris eröffnet wurde, noch tabu war. Als sie 2015 an die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsens kam, war man dort auch nicht weiter: Seit 1991 habe Hawaii eine Anfrage zu Schädeln und menschlichen Gebeinen gestellt, 2005 sei dann eine Delegation in Dresden vorstellig geworden, doch erst 2017 sei die Restitution erfolgt, über deren Transport und zeremonielle Form die Hawaiianer selbst entschieden hätten. In Köln gehe das schneller: Im Herbst 2017 hat das Rautenstrauch-Joest-Museum innerhalb eines Jahres einen Kopf an Neuseeland zurückgegeben.

          Die letzte Frage berichtete von anderen Erfahrungen: „Der erste Schritt wäre, an die Informationen heranzukommen: Wie befinden sich die Objekte, und wie können wir sie finden? Das ist mir im Rautenstrauch-Joest-Museum nicht gelungen, es gibt zwar einen Bestandskatalog, aber keine Datenbank, die ich online benutzen kann“, kritisierte ein junger Afrikaner. Die ethnologischen Museen in Deutschland hinkten da, so Snoep, weit hinterher, in den Niederlanden und Skandinavien seien Online-Datenbanken Standard. Bénédicte Savoy bestätigte das: „Frankreich ist so stolz auf sein koloniales Erbe, dass jedes Objekt bis ins hinterste Dorf zurückverfolgt werden kann. Deutschland dagegen schämt sich und möchte lieber nicht darüber reden.“

          Weitere Themen

          Großreinemachen

          KI im Kunsteinsatz : Großreinemachen

          Mit Hilfe künstlicher Intelligenz wird Shakespeare sortiert und Beethoven vollendet. Werke von Leonardo und Cézanne, Kafka und Musil, Mahler und Musil warten schon. Wohin soll das führen?

          Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

          Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

          Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

          Topmeldungen

          Dicke Luft in Stuttgart

          Klimagipfel : Mit Verzichtspanik wird nichts erreicht

          Als müsste in einer klimafreundlicheren Welt jemand aufs Auto, aufs Heizen, Fliegen oder auf Kinder verzichten! Das Vertrauen in die Technik ist bei denen, die den Innovationsgeist am lautesten für sich reklamieren, am geringsten.
          Leonardos „Heiliger Hieronymus in der Wildnis” blieb um 1480 unvollendet.

          KI im Kunsteinsatz : Großreinemachen

          Mit Hilfe künstlicher Intelligenz wird Shakespeare sortiert und Beethoven vollendet. Werke von Leonardo und Cézanne, Kafka und Musil, Mahler und Musil warten schon. Wohin soll das führen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.