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Festlegung „unserer Lebensweise“ : Passt schon

Welche Lebensweise ist die richtige? Bild: Boris Roessler/dpa

Wolfgang Schäuble möchte klären, was „wir“ mit „unserer Lebensweise“ meinen. Doch besteht unsere Art zu leben nicht gerade darin, dass wir uns jenseits von Recht und Gesetz auf kein „uns“ festlegen müssen?

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          Was ist eine „Lebensweise“? Schwierig, schwierig. Weil sich in einem einzigen Leben – im eigenen wie im fremden – doch so viele Lebensäußerungen Bahn brechen, bei denen man vorher wie hinterher vergeblich nach der einen bestimmten Weise sucht, das Leben aufzufassen. Es gibt lebenserfahrene Leute, die mit einer Lebensweise nichts anderes als die Abfolge von Kompensationen verbinden, durch welche der Mensch eine Störung mit einer anderen Störung auszugleichen sucht.

          Jedenfalls wäre diesseits aller Psychologismen zu fragen: Welchen Grad von Kohärenz, von sinngebendem Zusammenhang, müssten denn all jene Lebensäußerungen aufweisen, um sie noch als ein einheitliches intentionales Gebilde darstellen zu können: als Lebensweise eben? Und welche Annahmen von Sinnhaftigkeit (bis hierher reicht der Sinn, von da an beginnt der Unsinn) wären zugrunde zu legen, um von einem Leben aus einem Guss zu sprechen (wenn mit der Guss-Metapher nicht einfach nur Statussymbole gemeint sind, Embleme, hinter denen sich Menschen versammeln, um sich von anderen Menschen unterscheiden zu können)?

          Wäre es da nicht überhaupt naheliegender, eine Lebensweise über den Grad ihrer Widersprüchlichkeit zu bestimmen? Um so, in einer umfassenderen Sehweise, je ein „passt schon“ des vermeintlich Unpassenden zu erkennen? Wenn „Lebensweise“, verstanden als eine ablesbare Homogenität, aber schon in der Einzahl nicht recht zu taugen scheint, warum bemüht man diesen schwierigen Begriff dann umstandslos in der Mehrzahl?

          Was soll, anders gefragt, gemeint sein, wenn man im gesellschaftspolitischen Sinne von „unserer Lebensweise“ spricht, wie dies in den Diskursen der Zugehörigkeit gängig ist? Soeben verlangt Wolfgang Schäuble noch einmal affirmativ „klare Vorstellungen davon, was wir eigentlich meinen, wenn wir von ,unserer Lebensweise‘ sprechen“ – über Recht und Gesetz hinaus. Der Bundestagspräsident beschwört „unsere Art zu leben“ als das, „was uns wichtig ist“, wenn er in der neuen „Herder Korrespondenz“ dazu anhält, „aus deutschen Muslimen muslimische Deutsche (zu) machen“.

          Besteht unsere Art zu leben aber nicht gerade darin, dass wir uns jenseits von Recht und Gesetz auf kein „uns“ festlegen müssen? Und entlastet „uns“ diese Unbestimmtheitsdimension des Gemeinwesens nicht von dem Bestimmungszwang, in Begriffen von „wir“ und „anderen“ zu reden, denen dann auch Schäuble nicht entkommt? Was uns nämlich wichtig ist: das Abseits als sicheren Ort zu gewährleisten, an dem sich, von der Rechtstreue abgesehen, niemand Fragen nach seiner Lebensweise gefallen lassen muss.

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