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Pflanzenschutz im Garten : Heute ist der Giftschrank so gut wie leer

  • -Aktualisiert am

Mit Nützlingen gut zu bekämpfen: Rosenblattlaus Bild: Picture-Alliance

Die Diskussion um den Einsatz von Chemie auf dem Feld und im Garten ist in weiten Teilen Westeuropas dogmatisch verhärtet. Dabei wären Differenzierungen in diesem Glaubenskrieg durchaus wünschenswert.

          Mein Großvater war Obstbauer im Nebenerwerb. Wenn wir in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gemeinsam im Frühjahr „zum Spritzen“ aufs Feld gingen, war der Leiterwagen mit chemischen Kampfstoffen gut gefüllt. Das „Schwiegermuttergift“ E 605 war anfänglich noch dabei, wurde aber sukzessive durch Metasystox ersetzt. Der feine Sprühnebel befreite die Obstwiese effizient von saugenden Insekten. Über die Kollateralschäden für Mensch und Tier dachten wir damals nicht nach.

          Ein halbes Jahrhundert später ist mein Giftschrank so gut wie leer. Ein leicht neurotoxisches Insektzid steht herum, findet aber kaum noch Verwendung, weil ein furchteinflößender Aufkleber vor den Risiken für Mensch und Umwelt warnt. Die Schneckenkörner sind auch schon in die Jahre gekommen, da ich die Gemüsebeete inzwischen durch Schneckenbleche effizient gegen die Eindringlinge schütze.

          Im Garten werden Blattläuse und Spinnmilben biologisch bekämpft; Spritzbrühe und Nützlinge sind also angesagt. Klug gewählte Pflanzengemeinschaften wehren Schädlinge ab und nutzen Ressourcen effizient. Bodenhilfsstoffe wie Kompost und Gesteinsmehl stärken die Pflanzen und machen sie weniger anfällig. Unkraut wird von Hand gejätet; Totalherbizide wie Glyphosat haben im häuslichen Grün ohnehin nichts verloren.

          Hain-Bänderschnecke auf Roter Johannisbeere

          Dennoch bleiben nicht nur für den ökologischen Landwirt, sondern auch für den umweltbewussten Gärtner hinreichend Herausforderungen. Im feuchten Klima Mitteleuropas ist Pilzbefall für den Anbau von Wein und Erdbeeren, von Tomaten und Kartoffeln ein permanentes Problem. Und der Pilz Monilia verursacht bei vielen Obst- und manchen Ziergehölzen Spitzendürre und Fruchtfäule. An wirksame Kupfer- und Schwefelpräparate, die etwa im biologischen Weinbau eingesetzt werden dürfen, kommt man nicht mehr ohne weiteres heran. So bleiben synthetische Fungizide – und die Hoffnung auf Mikroorganismen, die schädliche Sporen vertreiben sollen.

          Der Pflanzenschutz hat sich innerhalb weniger Generationen grundlegend gewandelt. Im frühen 20. Jahrhunderts herrschte ungebremster Fortschrittsoptimismus: Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Schädlingen und die immer vielfältigeren Möglichkeiten ihrer chemischen Bekämpfung hatten die Schäden an Nutz- und Zierpflanzen sowie die Ernteverluste drastisch reduziert. Die Rückstände, die chemische Mittel hinterließen, interessierten allerdings nicht, und die Schadschwelle, die man beim Anbau im privaten Garten wie auf dem landwirtschaftlichen Acker zu tolerieren bereit war, wurde immer niedriger.

          Sternrußtau auf Rosenblättern

          Eine Zäsur bedeutete das Buch „Silent Spring“ (Der stumme Frühling) der amerikanischen Biologin und Wissenschaftsjournalistin Rachel L. Carson, das 1962 erschien und ein Jahr später auch auf Deutsch vorlag. Der Bestseller enthielt ein Plädoyer gegen den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel und war der erste „Ökoklassiker“, der die Wahrnehmung der Umwelt auf dem ganzen Globus veränderte und dessen Bedeutung bald mit Harriet Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“ und Charles Darwins „Entstehung der Arten“ verglichen wurde. Carson warnte eindringlich vor den verheerenden Folgen des exzessiven Pestizidgebrauchs in der Landwirtschaft: Der Einsatz des höchst wirksamen Insektizids DDT, so prophezeite sie in einer düsteren Vision, führe zu einem massiven Vogelsterben und damit zu einem „Frühling ohne Stimmen“.

          Integrierter Pflanzenschutz ist die aktuelle Botschaft

          Ihr Buch wurde zum Gründungsmanifest der weltweiten Umweltbewegung. 1971 veröffentlichte Alwin Seifert den ökologischen Ratgeber „Gärtnern, Ackern – ohne Gift“. Dass der Naturschützer einst beim nationalsozialistischen Autobahnbau als „Reichslandschaftsanwalt“ gewirkt hatte und völkischem Gedankengut verpflichtet war, tat dem Erfolg des Buches keinen Abbruch: Innerhalb von zehn Jahren wurden mehr als 200.000 Exemplare verkauft.

          Integrierter Pflanzenschutz heißt die aktuelle Botschaft, die biologische und chemische Methoden der Schädlingsbekämpfung verbindet. Aber die Diskussion um den Einsatz von Chemie auf dem Feld und im Garten ist zumindest in weiten Teilen Westeuropas dogmatisch verhärtet. Differenzierungen sind in diesem Glaubenskrieg nicht erwünscht. Ob indes der Öko-Kreuzzug den Pflanzen immer hilft, sei dahingestellt.

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