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Sarkozys Kulturpolitik : Viele gute Ratschläge und weniger Geld

Gute Kunst muss nicht teuer sein: Nicolas Sarkozy in der Betrachtung chinesischer Gegenwartskunst in Bejing Bild: REUTERS

In Frankreich bahnt sich ein Epochenbruch an: die Kulturfinanzierung soll nach dem Willen der Regierung Sarkozy zunehmend entstaatlicht, der Subventionsabbau mit einem durchschaubaren Trick kaschiert werden. Frankreichs Kulturschaffende gehen auf die Barrikaden.

          3 Min.

          In der französischen Kulturszene regt sich Widerstand gegen die Politik der neuen Regierung. Seit Jack Lang unter Mitterrand an die glanzvollen Zeiten von André Malraux anknüpfte, stand jeder - linke oder bürgerliche - Kulturminister in seinem Schatten. Jetzt ist im Zeichen der Öffnung auch Jack Lang ins Lager von Sarkozy gewechselt und hütet sich, dessen Kulturpolitik zu kritisieren. Für die französische Kulturministerin Christine Albanel wären das die besten Voraussetzungen. Doch die Kulturszene wirft ihr schlechte Personalpolitik und mangelnde Kenntnis der Dossiers vor. Und beklagt ihren fehlenden Enthusiasmus. Zudem lässt ihr der Präsident wie allen Ministern praktisch keinen Handlungsspielraum.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Drei Prioritäten hat Sarkozy seiner Kulturministerin in seinem „Marschbefehl“ vorgegeben: „kulturelle Demokratisierung“, die „Unterstützung des kulturellen Schaffens“ und den „Unterhalt des Erbes“, Denkmalpflege im weitesten Sinne. Die Bühnen, schrieb er Madame Albanel ins Pflichtenheft, „müssen Stücke zeigen, die den Erwartungen des Publikums entsprechen“. Von einem Zusammenhang zwischen der „Popularität“ einer Darbietung und ihrer Finanzierung ist die Rede. Ebenso von einem „Erfolgszwang“. Der gute Kulturminister, so die Formulierung des Präsidenten, „sei nicht an der Erhöhung der Subventionen zu erkennen, sondern an seinen Resultaten“.

          Die Frist läuft im Juni ab

          Von Sarkozy bekommt die Kultur viele gute Ratschläge, aber nicht mehr Geld. Von einem Budget der „Verknappung“ sprach die Ministerin im Parlament. Seit es in den großen Zügen bekannt ist, wird über die Umverteilungen und Einschränkungen gestritten. Der Abbau soll mit einem Trick kaschiert werden: Sechs Prozent der Kulturausgaben werden „eingefroren“. Sie sollen als Reserve für Härtefälle zur Verfügung stehen. Wird das Sparen nach 2008 noch länger durchgezogen, befürchten Beobachter einen Verlust von rund zwanzig Prozent des Etats innerhalb von drei Jahren.

          Nicht nur die Organisationen der Kulturschaffenden steigen auf die Barrikaden. Wohl erstmals in der Geschichte der französischen Kulturpolitik haben sich die Arbeitgeber der gesamten Branche - Chefs privater wie staatlicher Institutionen - zusammengetan und gegen die Sparmaßnahmen protestiert. Alle sind dabei: Sprechbühnen, Tanztruppen, Orchester, Varieté-Theater, Zirkus-Unternehmer, Musik-Ensembles. Sie brachten ihre Bedenken auf einer Pressekonferenz vor und schrieben einen Brief an den Staatspräsidenten: „Der Budgetminister hat einen Plan vorgelegt, der es Ihrer Kulturministerin nicht erlaubt, die von Ihnen gewünschte Kulturpolitik zu betreiben.“ Falls es bei diesem Budget bleibe, seien massive Einschränkungen bei den Programm-Angeboten und zahlreiche Entlassungen unumgänglich. Die Branche will ein „Grenelle der Kultur“: eine breite Diskussion mit allen Beteiligten. Und sie setzt eine Frist: Spätestens bis zum kommenden Juni seien diese Generalstände zu organisieren.

          Das Konfliktpotential, das die Kulturszene darstellt, ist alles andere als gering. Tagelang sind während der Streiks der Bahnarbeiter die Vorstellungen in der Pariser Oper wegen Arbeitskonflikten ausgefallen. Auch in der Comédie Française wird wegen der Rentenansprüche gestritten. Vor allem ist die Arbeitslosenversicherung der „intermittents du spectacle“ noch immer nicht geregelt. Diese freiberuflichen Mitarbeiter - Schauspieler, Techniker, Bühnenarbeiter - der Theater und Filmproduzenten hatten 2003 die Sommerfestivals verhindert und monatelang den Bühnenbetrieb gestört.

          Die Kulturfinanzierung wird entstaatlicht

          Die Reform kommt nicht vom Fleck, der Missbrauch wurde offensichtlich nicht gestoppt. Und das Defizit wird immer größer. Zudem ist ein Abbau bei den unabhängigen Produzenten, die für das Fernsehen arbeiten, zu befürchten. Sechzehn Prozent ihres Budgets müssen die Sender für Serien und Filme, die in französischer Sprache gedreht werden, aufwenden. Diese Quoten wollen M6 und TF1 abschaffen, und ihre Chancen stehen nicht schlecht. Der Aktienkurs des größten europäischen Privatsenders TF1 ist um ein Drittel eingebrochen. Angesichts der Vermehrung der frei empfangbaren Sender wird der Niedergang des Börsenkurses weitergehen. TF1-Besitzer Bouygues und Sarkozy sind enge Freunde. Der Präsident ist Patenonkel von Bouygues' Sohn und sein Wahlkampfleiter Nonce Paolini jetzt Chef von TF1.

          „Dieses sowjetische System muss abgeschafft werden“, hat Paolini den Produktionsunternehmen gesagt. Diese beklagen sich, dass sie von Christine Albanel, die auch Kommunikationsministerin ist, keinerlei Unterstützung bekommen. Mit mehr amerikanischen Fernsehserien möchte Bouygues fünfzig Millionen Euro sparen. Doch wenn im Fernsehen die französischen Quoten fallen, wird das auch auf die Filmindustrie einen Einfluss haben - sehr zur Freude von Hollywood. Die Filmförderung war stets ein Konfliktstoff zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten. Sarkozy, dessen Lieblingsgetränk Coca-Cola ist, will die Beziehungen normalisieren. Jack Lang, der unter Mitterrand den „kulturellen Imperialismus“ an den Pranger stellte, schweigt. Der Louvre macht mit der Vermietung seiner Kunst nach Abu Dhabi ein Milliardengeschäft. Eine Arbeitsgruppe prüft die Möglichkeit von Verkäufen aus den Beständen der staatlichen Museen. In Frankreich, wo das Mäzenatentum wenig entwickelt ist, leitet Sarkozy eine Kulturrevolution ein, die mit der Tradition der Gaullisten und der Sozialisten bricht. Die Kulturfinanzierung wird entstaatlicht und privatisiert. Das Ende der „exception culturelle“ hat begonnen.

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