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Sahra Wagenknecht und Michael Hudson im Gespräch : Nicht der Euro wird gerettet, sondern eine Ideologie

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Wenn die Zentralbank aber die staatlichen Defizite finanziert statt der Geschäftsbanken, droht uns dann nicht das deutsche Schreckgespenst der Inflation? Dann würde der kleine Bankkunde ja wieder seine Ersparnisse verlieren.

HUDSON: Lassen Sie uns doch einfach die historischen Fakten betrachten. Seit 2008 erleben wir die größte Geldschöpfung in der Geschichte. Allein in Amerika wurden Rekordsummen aufgenommen, um die Banken zu retten. Und dennoch hatten wir in dieser Zeit keine Inflation. Die Zentralbanken haben wenig Einfluss auf die Preise von Gütern des täglichen Bedarfs oder von Immobilien, wohl aber die Geschäftsbanken. Sie setzen eine gut messbare Preisspirale in Gang. Und was die deutsche Hyperinflation angeht, dazu könnte ich leicht eine Vorlesung halten. Hier dominieren falsche Begriffe und Missverständnisse. Hyperinflation ist nie ein binnenwirtschaftliches Phänomen; sie entsteht nur durch Ungleichgewichte der Währungen und im internationalen Zahlungsverkehr, aber nicht dadurch, dass eine Zentralbank zu viel Geld ausgibt, um Brücken und Straßen zu bauen. Dazu gibt es viele Beispiele, vor allem Chile und Russland.

WAGENKNECHT: Ich bin ganz Ihrer Meinung. Wenn Zentralbankinterventionen Inflation hervorrufen würden, hätten wir zum Beispiel in Japan längst Hyperinflation. Dort hat die Japanische Zentralbank seit Jahren japanische Staatsanleihen gekauft, und das Land litt trotzdem unter hartnäckiger Deflation. Heute bekommen die Staaten das Geld für ihre Defizite von den Banken, die es sich bei der Europäischen Zentralbank leihen. Wenn die Staaten das gleiche Geld direkt von der Europäischen Zentralbank leihen würden, wären die Defizite nicht größer, sie wären sogar kleiner, weil die Staaten deutlich weniger Zinsen zahlen müssten. Der einzige Unterschied zwischen beiden Systemen ist: Bei dem einen System verdienen die privaten Banken, nämlich an der Zinsdifferenz, bei dem anderen System nicht. Und deswegen gibt es ein klares Geschäftsinteresse des Finanzsektors, das System so zu lassen, wie es ist. Eine andere brisante Frage ist, ob die Geldschöpfung nicht generell viel rationaler über die Staaten stattfinden könnte. Wenn man weiter Milliarden an Zentralbankgeld ins Finanzsystem pumpt, die dann zum großen Teil die Spekulation aufblähen, ist das viel gefährlicher, als den Staaten innerhalb bestimmter Limits billiges Geld zur Verfügung zu stellen, mit dem sie dann sinnvolle Investitionen finanzieren. Das tun die privaten Großbanken nämlich kaum noch.

Was halten Sie angesichts der Hermetik solcher interessegeleiteter Prozesse von der These, wir würden uns einem postdemokratischen Zeitalter nähern?

WAGENKNECHT: Das stimmt. Wenn die Staaten derart am Gängelband der Finanzmärkte hängen, ist Demokratie gar nicht möglich. Und wir erleben ja in Europa aktuell eine brutale Politik gegen die Interessen der großen Mehrheit.

HUDSON: Wir befinden uns in einer vorrevolutionären Situation. Eine Bewegung wie Occupy ist da sehr wichtig, weil sie eine ganz andere pädagogische Agenda betreibt und verbreitet. Viele Leute sind ja unzufrieden, sehen sich aber außerstande, neue Regeln zu entwerfen oder zu erfinden. Darum braucht man die Arbeit von Occupy, und zwar am besten dort, wo das Problem sitzt, an der Wall Street.

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