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Sahra Wagenknecht und Michael Hudson im Gespräch : Nicht der Euro wird gerettet, sondern eine Ideologie

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HUDSON: Statt der Banken wird eine Ideologie gerettet, nämlich jene, dass all die Schulden irgendwann tatsächlich zurückgezahlt werden müssen. Doch das Problem kann auch ganz anders gelöst werden.

Banken und Versicherungen haben aber auf Staatsanleihen vertraut. Wenn die nun ihren Wert einbüßen, dann kollabieren doch auch diese Institute, mit fürchterlichen Folgen für Sparer und Versicherte. Was antworten Sie darauf?

HUDSON: Das ist falsch. Schon einen Tag nach dem Schuldenschnitt könnten die Banken und die Versicherungen ihre wichtigen Funktionen wiederaufnehmen. Die Chefin der amerikanischen Einlagensicherung, Sheila Bair, hat das mal ausführlich erklärt. Sie hätte beispielsweise die Einlagen der sehr leichtsinnigen Citibank retten, die normalen Bankfunktionen bewahren und die problematischen Zweige der Bank schließen können. Verluste hätten nur die Zocker an der Spitze erlitten. Ähnlich bei AIG; die Regierung hätte das Unternehmen schließen und zugleich alle wichtigen Funktionen retten können. Man rettet in Wahrheit die Interessen des oberen Prozents. Wenn wir in der Logik der Sozialisierung von Schulden und Privatisierung von Gewinnen weitermachen, dann ist der Preis für die sogenannte Bankenrettung die Zerstörung der Gesellschaft.

Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt ja die Europäische Zentralbank, deren Aufgabe Sie, Herr Hudson, ganz anders beschreiben als etwa die Bundeskanzlerin oder andere Wirtschaftswissenschaftler. Wie kommen Sie zu Ihrer Auffassung?

HUDSON: Dazu muss man einen Blick in die Geschichte werfen: Im Jahre 1694 wurde die Bank of England gegründet, die amerikanische Federal Reserve 1913. Die historisch wichtigste Funktion solch einer Bank ist es, die Defizite der Staaten zu finanzieren, und zwar durch das Drucken von Geld. Alle Staaten entwickeln Haushaltsdefizite, weil sie die Wirtschaft stimulieren, Infrastruktur bezahlen und anderes mehr. Wenn die Zentralbanken das Defizit nicht übernehmen, dann fällt diese Aufgabe den Geschäftsbanken zu, die ja ebenso Geld per Computer generieren, nämlich über die Kredite, die sie verkaufen. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Verbraucher, denn alles wird zur potentiellen Sicherheit und dadurch teurer. Mit der Entwicklung von Infrastruktur haben die Geschäftsbanken eigentlich gar nichts mehr am Hut. Sie sind zu Spielhallen geworden, die die riskanten Wetten finanzieren, oftmals zu Lasten bestehender Unternehmen übrigens, die ausgenommen werden, um die Kosten ihres Ankaufs zu amortisieren. Banken fördern die Deindustrialisierung.

WAGENKNECHT: Genau dies beobachten wir in diesem Jahr. Man hatte ja Anfang des Jahres eine leichte Entspannung in Italien und Spanien dadurch erkauft, dass die europäische Zentralbank insgesamt eine Billion Euro in das Bankensystem gepumpt hat. Von dieser Billion ist ein Bruchteil tatsächlich in Staatsanleihen investiert worden. Dadurch sind die Renditen vorübergehend gesunken, und für die Banken war es ein wunderbares Geschäft. Sie bekamen Geld für ein Prozent und verleihen es für fünf oder sechs Prozent. Aber ein großer Teil des Geldes ist in die Spekulation geflossen. In der Folge sind die Aktienmärkte, der Rohölpreis und die Lebensmittelpreise nach oben geschossen. Dieses Vorgehen ist fatal. So wird das Monster der Spekulation immer weiter gefüttert. Man sieht im Moment auch, dass die Banken und die wirklich Reichen sich auf einen Währungs-Crash vorbereiten und sogenannte Realwerte kaufen. Die Gefahr für den Kleinanleger bleibt hingegen bestehen: Wenn der Euro zerfällt, kann der Kleinanleger tatsächlich alles verlieren.

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