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Sahra Wagenknecht und Michael Hudson im Gespräch : Nicht der Euro wird gerettet, sondern eine Ideologie

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WAGENKNECHT: Ich finde die Lage sehr beängstigend, weil ich glaube, dass man in Europa auf dem völlig falschen Weg ist. Er führt nicht zur Rettung Europas, er hat ja schon nicht zur Rettung der Griechen geführt. Griechenland ist ärmer und kaputter als zu Beginn der vermeintlichen Hilfen. Es hat auch mehr Schulden als damals. All das sollte uns davon abhalten, diesen Weg weiterzugehen. Bald wird es heißen, die Rettungsmilliarden für die Griechen seien alle verbrannt. Doch das stimmt nicht. Das Geld ist nicht weg, es hat nur den Besitzer gewechselt. Aus dem Geld der Steuerzahler sind private Vermögen geworden. Denn die meisten Mittel wurden dafür verwandt, private Gläubiger, also Banken, Hedgefonds, reiche Privatanleger, Spekulanten, vor Verlusten zu schützen, indem man ihnen ermöglicht hat, Geld für Anleihen, die am Markt noch vierzig Prozent wert waren, zu hundert Prozent zurückzubekommen. Auch die exorbitanten Zinsen, für die sich Griechenland 2009 und Anfang 2010 refinanzieren musste, wurden mit dem Geld der europäischen Steuerzahler beglichen. Der einzige Posten im Budget von Griechenland, der lange Zeit von allen Kürzungsdiktaten befreit blieb, waren ausgerechnet die Zinszahlungen. Und selbst nach der sogenannten Gläubigerbeteiligung haben die Anleger immer noch sehr viel mehr bekommen, als ihr Investment am Markt wert war. Jetzt werden die griechischen Banken mit europäischem Steuergeld saniert. Das ist, glaube ich, das Entscheidende: Die Euro-Rettung wird, so, wie sie bisher praktiziert wurde, nicht den Euro retten, aber sie hat schon jetzt sehr viele Euros in den Portfolios reicher Leute in Griechenland und anderswo gerettet.

Rationalisiert wird dieses Vorgehen mit dem Gedanken, dass mit den Bankern auch deren Kunden, die vielen kleinen Sparer gerettet, werden.

WAGENKNECHT: Das ist eine Legende. Es geht um die Rettung der großen Spieler, nicht der Kleinanleger. Am Ende müssen die gigantischen Schulden, die es aktuell gibt, private wie öffentliche, ohnehin entwertet werden. Wir haben jetzt über Jahrzehnte ein Schuldenwachstum erlebt, das weit über dem realwirtschaftlichen Wachstum lag. Damit ist ein Schuldenberg entstanden, dessen Zinsansprüche nicht mehr bedient werden können.

Kurzfristig sicher nicht, aber - nur, um das zu verstehen, warum nicht in einem oder zwei Jahrhunderten?

WAGENKNECHT: Unwahrscheinlich, denn das ist ja die Logik von exponentiellen Wachstumsfunktionen: Sie wachsen immer schneller. Heute werden die Zinsen alter Schulden fast nur noch durch neue Schulden finanziert. Aber das verschärft das Problem immer weiter. Lange Zeit war es so, dass die Banken, dank deregulierter Finanzmärkte, das Schuldenwachstum finanziert und damit unverschämte Gewinne gemacht haben. 2008 war damit weitgehend Schluss. Seitdem werden die Schulden der Banken sozialisiert, das heißt, auf den Steuerzahler übertragen. Das im Zuge des vorangegangenen Finanzmarktbooms entstandene Vermögen wird dagegen in keiner Weise haftbar gemacht. So sind die Staatsschulden überall drastisch angestiegen, in einigen Ländern bis an die Grenze der Tragfähigkeit. Im Rahmen der Euro-Rettungsschirme werden jetzt die Schulden dieser Länder auf die noch solventen Staaten übertragen. Nach den letzten Gipfelbeschlüssen sollen jetzt sogar ihre Banken direkt mit europäischem Steuergeld gestützt werden. Die Banken untereinander trauen sich längst nicht mehr, weil sie wissen, dass viele von ihnen durch waghalsige Geschäfte praktisch pleite sind. Ein Zeichen für dieses Misstrauen sind die berühmten Target-Salden der Zentralbanken. Das alles zeigt, wie sich die Probleme zuspitzen. Natürlich kann man so lange Schulden vergemeinschaften und dadurch Zeit kaufen, solange es noch mindestens einen solventen Retter gibt. Aber selbst Deutschland hat inzwischen eine Schuldenquote von mehr als achtzig Prozent, und wenn die Milliardenbeträge, für die wir bereits heute haften, fällig werden, gehen wir stramm auf hundert Prozent zu. Das muss im Crash enden.

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