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Ausstellung zu Pogromen : Es schreit der Stein in der Mauer

Die Ausstellung ist bewusst simpel gehalten, damit sie auch für Schulklassen leicht zugänglich ist. Bild: dpa

Drei Städte zeigen eine Ausstellung über die sächsischen Ereignisse in der Pogromnacht von 1938. Und ein Minister spricht zur Eröffnung in Leipzig Klartext.

          Matthias Haß ist von Amts wegen nicht derjenige, den man an diesem Abend im Leipziger Ariowitsch-Haus erwartet hätte. Der CDU-Politiker ist erst seit zehn Monaten Finanzminister im Freistaat Sachsen, ins Kabinett gelangt durch die Regierungsumbildung des neuen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer – und schon im ersten Jahr seiner Amtszeit konfrontiert mit dem größten Imageproblem, das Sachsen und dessen politische Führung bislang gehabt haben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Da darf man es als Zeichen werten, dass die Staatsregierung ein Kabinettsmitglied zur Eröffnung einer kleinen, aber ungemein interessanten Ausstellung ins jüdische Kultur- und Begegnungszentrum Ariowitsch-Haus geschickt hat. Denn wer würde nach den Ereignissen von Chemnitz vor sechs Wochen in einer Dokumentation sächsischer Verbrechen der Pogromtage nach dem 9.November 1938 kein Politikum sehen? Die Entsendung von Haß zeugt von Gespür, und das, was der Minister sagt, zeugt von einer Entschiedenheit, die man in Sachsen unlängst sehr vermisst hatte.

          Ausschreitungen in fast sechzig Gemeinden

          Schon das Zitat der berühmten Formulierung des Propheten Habakuk von den aus der Mauer schreienden Steinen, mit dem Haß seine kurze Rede einleitet, ist bezeichnend. Denn nicht nur, dass er diesen Notruf unbelebter Materie dem Schweigen der Mehrheit der Deutschen im Jahr 1938 gegenüberstellt – jeder Bibelfeste weiß ja auch, wie das Zitat weitergeht: „Wehe dem, der die Stadt mit Blut baut und richtet die Stadt mit Unrecht zu!“ Das passt doppelt: auf die Exzesse vor achtzig Jahren und auf die Jagdszenen von 2018, als auch ein jüdisches Restaurant in Chemnitz angegriffen wurde. Man darf es mehr als nur feinfühlig nennen, dass die anderen Eröffnungsredner in Leipzig, darunter auch der Gemeindevorsitzende Küf Kaufmann, dieses aktuelle Ereignis nicht ansprechen.

          Bis zum 31.12.2018 erinnert eine Ausstellung mit dem Titel „Bruchstücke – Die Novemberpogrome in Sachsen“ an die Ereignisse im Jahr 1938.

          Es spricht auch Daniel Ristau, der junge Historiker, der die Ausstellung konzipiert und dafür jahrelang die letzten Zeitzeugen aufgesucht und die Archive ausgewertet hat. Insgesamt konnte er für die drei Tage vom 9. bis zum 11. November 1938 Ausschreitungen gegen jüdische Bürger in fast sechzig heute sächsischen Gemeinden (einige gehörten damals noch zu Preußen) feststellen, aber Ristaus Forschung ist noch nicht abgeschlossen; er rechnet mit weiteren Funden.

          Bewusst simpel

          Hinter den Rednern im Ariowitsch-Haus steht in einer stilisierten Tora-Nische ein Miniaturmodell der 1938 zerstörten Leipziger Hauptsynagoge, und vor ihnen in der ersten Reihe sitzt Rolf Isaacson, Ehrenvorsitzender der hiesigen Israelitischen Religionsgemeinde und 1938 als Fünfjähriger Augenzeuge dieser Zerstörung. Es gibt nicht mehr viele, die von damals erzählen können. Umso wichtiger sind die Erinnerungen, die Ristau gesammelt hat.

          Es ist keine spektakuläre Ausstellung: sechzehn mobile Schautafeln, bilderreich und rasch zu lesen, genauso wie zwei weitere Präsentationen, die nun in Dresden und Chemnitz zu sehen sind, jeweils mit regionaler Ausrichtung. Der Leipziger Teil läuft länger als die anderen beiden, und hier gab es 1938 auch die größte jüdische Gemeinde in Sachsen: rund 8500 Menschen, von denen mehr als 5500 später ermordet werden sollten.

          Die Ausstellung ist bewusst so einfach gehalten, damit sie nach dem Auftakt durch möglichst viele sächsische Orte wandern kann. Damit will sie das unterstützen, was Matthias Haß als Lehre aus den Pogromen formuliert: das Wissen um die damaligen Ereignisse an Schüler weitergeben, um künftig ein Schweigen gegenüber Ausschreitungen und Antisemitismus zu verhindern. Und der Staat werde in solchen Fällen „unerbittlich zurückschlagen“, versichert Haß. An solchen klaren Worten wird sich die sächsische Staatsregierung fortan messen lassen müssen. Gut, dass sie an diesem Ort so klar formuliert worden sind.

          Bruch|Stücke. Die Novemberpogrome in Sachsen 1938

          Im Ariowitsch-Haus Leipzig; bis zum 31. Dezember, außerdem im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (bis 31. Oktober) und im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde zu Dresden (bis 30. November). Das materialreiche Begleitbuch von Daniel Ristau, erschienen bei Hentrich & Hentrich, kostet 19,90 Euro.

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