https://www.faz.net/-gqz-8cr2m

Russlands Umgang mit der Krise : Wodka heilt jede Krankheit

  • -Aktualisiert am

Du musst dran glauben: Ein Täufling reinigt im eisigen künstlichen Moskauer Jordan seinen Körper und seine Seele. Bild: Valery Sharifulin/Itar-Tass

In Russland fallen die Einkommen, Kliniken und Kindergärten werden geschlossen. Das therapiert man mit viel Nostalgie, Wodka, Religion und durch die präventive Bedrohung von Kritikern.

          6 Min.

          Wenn die Gesellschaftsstruktur versagt, verstärken sich die Selbstzerstörungskräfte. Der Tod des gar nicht alten Mannes zu Neujahr war typisch. Der pensionierte Bewohner des Dorfes Ucholowo, dreihundert Kilometer südöstlich von Moskau, durfte nach seiner Operation vor einigen Jahren nicht trinken, aber er hatte schon zuvor außer Fernsehen wenig anderes getan und änderte sein Leben nicht. Er wollte das eigentlich nicht üble Dorf, sein enges Holzhaus und seine Frau wohl nicht mehr sehen. Nach einem Krankenhausaufenthalt wegen Schwellungen, für die er natürlich die schlechte medizinische Versorgung verantwortlich machte, brach er vor seiner Wohnungstür leblos zusammen. Danach das Übliche. Abtransport ins Büro für Gerichtsmedizin zur obligatorischen Obduktion, um eine unnatürliche Todesursache auszuschließen. Nach zwei Tagen folgt die Beerdigung.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Russland ist eine Zivilisation des kosmisch großen, infolge sterbender Dörfer immer leerer werdenden Raumes. Der Dahingeschiedene wird im offenen Sarg in die Kirche getragen. Der Pope umschreitet ihn, die Liturgie singend und Weihrauch schwenkend. Seine Seele, die eben erst vom Körper getrennt wurde, sei jetzt schwach und ungeschützt wie ein Kind, das gerade den Mutterleib verlassen habe, erklärt er den Trauernden. Er mahnt sie, für ihn zu beten. Fürbitten würden die nackte Seele wie eine Schutzkleidung umhüllen. Am Ende des Gottesdienstes umrundet die kleine Gemeinde den Sarg im Uhrzeigersinn. Er wird bei Eis und Schnee noch kurz vor seinem Haus aufgebahrt, bevor es zum Friedhof geht. Dort tritt die kurze Schlange, die den Verstorbenen zum Abschied auf die von Papierikonen bedeckte Stirn küssen will, wieder im Uhrzeigersinn an ihn heran.

          Investitionen ins Kopfkino der Moskauer

          Erniedrigenden Räumen entkommt man am besten per Rauschgift oder Religion. Bei der Gedenkmahlzeit würdigen die Gäste der Reihe nach den Toten mit einer kurzen Ansprache, nach jeder kippen alle ein Glas Selbstgebrannten. Die Witwe, dank deren Fürsorge der Geehrte überhaupt so lange lebte, die aber einiges von ihm auszuhalten hatte, sagt unter Tränen, Streit bedeute Leben. Unter den Gästen ist auch eine Tante aus Moskau, deren Sohn gerade aus einem Saufkoma genesen ist. Sie versucht, den Sohn der Witwe zu beruhigen, der, selbst alkoholisiert, seine Mutter beschuldigt, sie trinke zu viel. Die Situation eskaliert, wird aber von einer Nachbarin gerettet, die ihm gut zuredet, ein Beruhigungsmittel einflößt und ihn auf ihrer Couch schlafen legt. In Russland muss man einfach Feminist werden. Ohne ihre Frauen würde die russische Gesellschaft zusammenbrechen, nur sie scheinen in der Realität zu leben. Mit Ausnahme derjenigen, die, wie die Nichte der Witwe, sämtliche Probleme nur auf eine Weise therapieren: indem sie durch dauerndes Beten in der eigenen Seele ein frommes Paradies errichten.

          Die Hauptstadt Moskau hingegen investiert in diesem Depressionswinter gezielt ins Kopfkino ihrer Bewohner. Während Einkommen sinken, Krankenhäuser und Kindergärten geschlossen werden, verwandeln die Stadtväter das Zentrum mit beispiellosem Aufwand in eine Märchenstadt. Im Zentrum prangen fantastisch illuminierte Schmuckarkaden, Blinksilhouetten tanzender Paare, Fußgängerzonen werden von fliegenden Untertassen beleuchtet. Bei fünfzehn Grad Frost drängen sich Familien mit Kindern an Souvenirbuden und künstlichen Schneespielplätzen vorbei, schlecken Eis, machen Selfies. Neujahrsgrußkarten im Retrodesign des neunzehnten Jahrhunderts, sowjetisches Traditionskonfekt, eine neue App, mittels deren man Smartphoneporträtfotos die Züge von Stalin verleihen kann, zeugen von einer wahllos allesfressenden Nostalgie.

          Neunzigtausend Gläubige zur rituellen Eistaufe

          In einem Kiosk an der Metrostation WDNCh, dem historischen Wirtschaftsausstellungspark, bietet eine freundliche rundliche Frau Stalin-Kalender feil mit zwölf verschiedenen Bildnissen des Sowjettyrannen, für jeden Monat eines. Alternativ empfiehlt sie dem emotional-ästhetisch Halt Suchenden Bildbände über russische Zaren, aber auch ein Fotoalbum mit den „besten Busen der Welt“, das, wie sie versichert, bei Männern großen Zuspruch finde. Dazu passt der Moskauer Ableger der Ausstellung „Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit“ im Historischen Museum am Roten Platz, die, im Unterschied zur nüchtern auf Textdokumente setzenden Variante im Berliner Gropius-Bau, mit Produktionsgemälden, Zeitz-Kinderwagen, Puppen und Teddybären in DDR-Romantik schwelgt.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Beim Spätabendgottesdienst zur Feier der Taufe Christi ist die Kirche des Sretenski-Klosters hinter der Staatssicherheitszentrale Lubjanka, zu deren Gemeinde viele Geheimdienstler gehören, überfüllt. Heute wird das Wasser gesegnet, sogar Leitungswasser soll in diesen Tagen eine heilsame Wirkung haben. Etliche Gläubige wohnen der Messe draußen im eisigen Wind bei, auf dem größtenteils abgesperrten Hof. Hinter der Blendwand entsteht ein mächtiges neues Gotteshaus zu Ehren der „Neuen Märtyrer“, der von der Sowjetmacht ermordeten Christen, das im kommenden Jahr, zum hundertsten Jahrestag der Revolution, fertig werden soll. Für die rituelle Eistaufe, bei der man sich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes dreimal bekreuzigt, wurden in ganz Moskau sechzig Becken aufgestellt. Neunzigtausend Gläubige, meldet die Kirche, hätten auf diese Weise Körper und Seele gereinigt.

          Durch den Vergangenheitskult wieder akut

          Wir treffen den Schriftsteller und Arzt Maxim Ossipow in einer am Puschkin-Museum neu eröffneten gemütlichen Backstube mit dem altmodisch verballhornten deutschen Namen „Kuchmisterskaja“. Dass die russische Gesellschaft in einer ausgedachten Vergangenheit lebe, darüber sei er, gesteht Ossipow, heilfroh. Bloß keine Zukunftsvisionen, sagt der Doktor abwehrend, sonst gebe es nur neue Ukraine-Abenteuer. Dann verabschiedet er sich eilig, er muss zu einem berühmten Dichter, der sich während der Ferien ins Delirium tremens getrunken hat.

          Die Verlegerin Irina Prochorowa glaubt jedoch, der Kult einer geschönten Vergangenheit sei mit schuld daran, dass die schlimmsten Seiten dieser Vergangenheit, wie der Stalinterror, wieder akut werden könnten. Prochorowa denkt dabei an die Vorstöße des tschetschenischen Republikchefs Ramsan Kadyrow, der russische Oppositionelle als „Volksfeinde“ und „Verräter“ bezeichnete, denen man den Prozess machen müsse. Kadyrows Parlamentsvorsitzender Magomed Daudow prangerte daraufhin die kritische Radiostation „Echo Moskwy“ und den unabhängigen Fernsehsender „Doschd“ an. Und der tschetschenische Duma-Abgeordnete von der Kremlpartei „Einiges Russland“, Adam Delimchanow, verbreitete über Instagram ein Video, worin er und ein Rudel enthusiasmierter Landsleute vor dem Moskauer Kreml ausrufen: „Ramsan ist Russlands Stütze, Allah akbar!“ Und zwar just an der Stelle, wo vor fast einem Jahr der russische Oppositionsführer Boris Nemzow erschossen wurde.

          Das Schweigen des Präsidenten

          Kadyrow, den der russische Staatshaushalt privilegiert alimentiert, weil er Tschetschenien befriedet hat, wird in Russland gehasst und gefürchtet. Da die Untersuchungen im Mordfall Nemzow in Kadyrows Umgebung führen, aber nicht weiterkommen, und gesuchte Kriminelle in Tschetschenien einen Rückzugsraum finden, ist er auch dem Geheimdienst FSB ein Dorn im Auge. Doch das Land ist auf wirtschaftlicher Talfahrt. Finanzminister Siluanow warnt vor dem Staatsbankrott. Unruhen scheinen programmiert. Daher empfiehlt Kadyrow sich seinem Mentor Präsident Putin durch präventive Eskalation. Wer Willkür und das Versagen des Regimes kritisiert, soll nach Kadyrows Szenario als Sündenbock und abschreckendes Exempel herhalten. Kadyrow will seine Garden zu Putins Opritschniki machen, wie der jeder Gerichtsbarkeit entzogene Terrororden Iwans des Schrecklichen hieß, glaubt Nikolai Swanidse, Mitglied im Menschenrechtsrat des Präsidenten.

          Die Bevollmächtigte für Menschenrechte, Ella Pamfilowa, kritisierte Kadyrows Äußerung als schädlich. Oppositionelle dürften, solange sie geltendes Recht einhielten, keiner administrativen oder politischen Willkür ausgesetzt werden, sagte Pamfilowa. Den Rat eines weiteren tschetschenischen Duma-Abgeordneten, Schamsail Saraliew, Beruhigungstropfen zu nehmen und sich bei Kadyrow zu entschuldigen, wies Pamfilowa beherzt zurück. Ein Abgeordneter aus dem sibirischen Krasnojarsk, Konstantin Sentschenko, nannte Kadyrow gar eine „Schande für Russland“. Doch Sentschenko bekam Besuch, woraufhin er seine Äußerung zurücknahm und öffentlich beim Tschetschenenchef Abbitte tat. Unterdessen outeten sich der Filmregisseur Fjodor Bondartschuk, der Popsänger Nikolai Baskow, aber auch die nationalistischen Schriftsteller Alexander Prochanow und Jegor Cholmogorow per Instagram als Kadyrow-Unterstützer. Das Schweigen von Präsident Putin spricht Bände.

          Putins Tochter, Katerina Tichonowa, hat unterdessen als stellvertretende Rektorin der Moskauer Staatsuniversität einen Posten, der jede Krise überstehen dürfte. Als Vorsitzende der Stiftung „Nationale intellektuelle Entwicklung“ leitet Tichonowa zudem das Projekt des Wissenschafts- und Technologieparks der Hochschule. Seit dem Verfall des Ölpreises entdeckt die Elite die Kultur als Ressource mit Zukunft. Die Tochter der stellvertretenden Regierungschefin Olga Golodez, Tatjana Mrduljasch, wurde als stellvertretende Direktorin der Tretjakow-Galerie installiert, die Galeristin und Oligarchengattin Maria Salina als stellvertretende Rektorin des Puschkin-Museums. Als Signal der neuen Ära in der Tretjakow-Galerie begrüßt den Besucher der großen Retrospektive des Malers Valentin Serow ein Video, auf dem ein heutiges kleines Mädchen, kostümiert und geschminkt, die posierende Vera Mamontowa mimt, deren Porträt zu Serows Kultbildern gehört. Nachdem Präsident Putin einen Ausstellungsrundgang machte, drückten die Publikumsscharen dem Museum buchstäblich die Tür ein.

          Weitere Themen

          Wie an Vertreibung erinnern?

          Sudetendeutsches Museum : Wie an Vertreibung erinnern?

          75 Jahre nach der Nachkriegsvertreibung von Deutschen aus Ostmitteleuropa eröffnen drei neue Museen: in München, Berlin und und im tschechischen Aussig. Sie wagen sehr unterschiedliche Blicke auf das Thema.

          Topmeldungen

          Biden-Unterstützerin bei einer Rally in der Kleinstadt Boca Raton, Florida

          Wählergruppe der Suburban Moms : Was Vorstadtmütter wirklich wollen

          Weiße Frauen der oberen Mittelschicht sind in Amerika eine umkämpfte Wählergruppe. Aber Donald Trumps Vorstellung einer Mutter aus der Vorstadt stammt aus den Fünfzigern – das könnte ihn diese wichtigen Stimmen kosten.

          Film-Legende : Sir Sean Connery ist tot

          Der Schauspieler Sir Sean Connery ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Das meldet der britische Nachrichtensender BBC. Der Schotte wurde in seiner Rolle als James Bond weltberühmt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.