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Russlands kremltreuer Nachwuchs : Jugend ohne Gott, aber mit Putin

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam sind sie stark: Mitglieder der Jugendorganisation „Naschi” feiern Putin Bild: AP

Sie pöbeln gegen Demokraten, lösen die demographischen Probleme Russlands und verehren Präsident Putin: Kerstin Holm über kremlnahe Jugendorganisationen, Russlands Nachwuchselite.

          5 Min.

          Regimekritik braucht Urvertrauen. Der Mut zum demokratischen Experiment, zum Widerspruch gegen die politische Führung, der Russland Ende des vorigen Jahrhunderts beseelte, verdankte sich auch dem zivilen Geist, den es von der altersmilden Sowjetgesellschaft geerbt hatte, und einem dicken Kissen aus Sympathie für die westliche Welt. Politischer Gewichtsverlust, Wirtschaftskämpfe, der Druck der Globalisierung haben das Polster aufgezehrt. Der obszöne Graben zwischen Superreichtum und Armutselend erbittert viele, ebenso wie die russische Bürokratenarroganz. Doch ebenso verbreitet ist das Gefühl, das Vaterland, das von seinen Rohstoffen lebt, während ihm die Bevölkerung wegstirbt, sei existentiell gefährdet.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Demokraten und Bürgerrechtler versuchen, den Staat für die Ansprüche des Einzelnen in die Pflicht zu nehmen. Für Kremlpatrioten hingegen ermisst sich der Wert des Einzelnen daran, was er seinem Staat Gutes tut. Die vorrangige Aufgabe des postliberalen Systems, die Staatspyramide zu konsolidieren und Russland international wieder stark zu machen, scheint dank Putins Zentralisierungs- und Verstaatlichungswerk glänzend gelöst. Zugleich wächst der Modernitätsrückstand der russischen Wirtschaft, ebenso wie die Einkommensschere und Korruption, während die Einwohnerschaft jährlich um 800.000 Menschen schrumpft - oder um eine mittlere Stadt. Die Präsidentenadministration und ihre Parteiableger des „Einheitlichen“ und des „Gerechten Russland“ (Edinaja Rossija, Spravedlivaja Rossija) bemühen sich daher, in ihren Jugendorganisationen „Naschi“ (Die Unsrigen), „Molodaja gwardia“ (Junge Garde) und „Pobeda“ (Sieg) eine Nachwuchselite heranzuziehen, die das System stabilisiert und zugleich neu aufmischt.

          Die besten Vitamine für die Heimat

          Die Putin-Jugend der „Unsrigen“, deren harter Kern auf siebentausend Aktivisten geschätzt wird, legten sich durch Randale vor der estnischen Botschaft und der Europäischen Vertretung, durch Pöbeleien gegen den britischen Botschafter und Oppositionsführer Kassjanow das Profil eines kulturrevolutionären Stoßtrupps zu. Das hindert die „Naschisten“, wie man sie wegen ihrer aggressiven Führertreue oft nennt, nicht daran, sich zu Freiheit, Toleranz, Demokratie und Zivilgesellschaft zu bekennen - freilich mit dem Zusatz „souverän“, das heißt unter der Regie und im Interesse des russischen Staates.

          Jubelnde „Naschi”-Massen zum 7. Jahrestag der Präsidentenwahl Putins im März

          Die weltpolitische Arena sei wie die freie Wildbahn, erklärt der athletisch aussehende Nationalökonom Jewgeni Iwanow, 27 Jahre alter Chefideologe der „Unsrigen“. Politische wie biologische Organismen wollen wachsen und müssen sich verteidigen, um nicht geschluckt zu werden, lehrt Iwanow. Deshalb müsse ein Staat auch „essen“, wie der blonde Mann mit Bürstenschnitt sich ausdrückt, beispielsweise menschliche und materielle Ressourcen. Jene Jugendlichen, in denen er politisches Bewusstsein und patriotische Ideale wecke, bekennt der aus der Provinz stammende Iwanow glutvoll, seien für die Heimat die besten Vitamine.

          „Sich vermehren ist angenehm und nützlich“

          Im Hauptquartier der „Unsrigen“, einer ehemaligen Moskauer Grundschule, ist vor Sommerferienbeginn Hochbetrieb. Im Hof, den Plakate mit Gruselbildnissen der Staatsfeinde Chodorkowski, Limonow und Kassjanow zieren, konferieren die aus der Provinz angereisten Gruppenleiter über das bevorstehende Schulungslager am Seliger-See, auf halbem Wege zwischen Moskau und Petersburg. Das Gebäude, in das nur Träger des Diagonalkreuz-Abzeichens der Bewegung eingelassen werden, gleicht einem Bilderdschungel für Politpartisanen. Treppenhäuser mit comicfuturistischem Dekor aus Energieblitzen und Sowjetsternen, geleiten über Stufen, auf denen „Vorwärts, Russland“ und „Verschlaf das Land nicht!“ zu lesen ist, auf die mit „Unsrigen“-Schnappschüssen tapezierten Korridore, wo Wegweiser im altsowjetischen Stil anzeigen, wie man ins Bildungsbüro gelangt und wie zum leitenden Kommissar.

          Viele Zukunftskader tragen Sportmode aus der „Unsrigen“-Linie, die Parteigenossen nach einem Designertraining in Mailand extra für sie entworfen und mit schicken Slogans bedruckt haben. Wie jenes T-Shirt, das, geschmückt mit einem Wuschelkopf und dem Logo „Antifa-Friseur“, auf der sehnigen Brust eines Aktivisten aus Saratow suggeriert, Langmähnige kämen prima mit Kaukasiern und Schwarzen aus, im Gegensatz zu kahlgeschorenen Rassisten. Es ist für nur zwölf Euro zu haben, ebenso wie das adrette Top mit dem Strichmännchenpaar über dem Schriftzug „Sich vermehren ist angenehm und nützlich“. Den seit den neunziger Jahren dramatischen Familienverfall umzubiegen zu einer demographischen Revolution ist erklärtes Ziel der „Unsrigen“.

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