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Russlands Kirchenkunst : Gegen die Gemeinden sind wir machtlos

Patriarch Metropolit Kyrill: Die Kirche hat genug Sachkompetenz, empfindliche Kunstwerke richtig zu pflegen Bild: AP

Russische Museumsleiter, Restauratoren und Wissenschaftler haben eine Petition aufgesetzt: Sie sehen das Kulturerbe in akuter Gefahr. Immer mehr sakrale Kunst soll von den staatlichen Museen an die Kirchen und Klöster zurückgegeben werden.

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          Wer sich die vielen Fernsehtalkshows ansieht, in denen Museumsdirektoren und Restauratoren dieser Tage gegen die geplante Pauschalübereignung religiösen Kulturgutes an die russisch-orthodoxe Kirche streiten, könnte glauben, es bewege sich etwas. Doch die Staatsmacht, die von der Verfassung verpflichtet wird, das nationale Kulturerbe zu bewahren, stelle sich taub, klagt der stellvertretende Generaldirektor der Museen des Moskauer Kremls, Andrej Batalow, und senkt ernst den Blick. Batalow und mehr als vierzig weitere Museumsleiter, Restauratoren und Wissenschaftler, die eine Petition an Patriarch Kyrill unterzeichnet und die Putin-Regierung mit Briefen bombardiert haben, sehen das russische Kulturerbe in akuter Gefahr. „Ich bin selbst ein orthodoxer Christ“, sagt der Hüter der Kunstschätze des russischen Staates. Doch wenn die wenigen mittelalterlichen Ikonen, Originalfresken und historischen Sakralbauten, die Russlands unruhige Geschichte überstanden haben, in Kirchenbesitz übergingen, seien sie so gut wie verloren,

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Batalow blickt von seinem Büro auf die Kremlmauern, die die ihm anvertrauten Schätze schützen. Da sie zugleich Heiligtümer und Legitimationssymbole der Macht sind, sorgt der Kunsthistoriker sich um sie noch am wenigsten. Obwohl er Verluste beklagt. Vor zwei Jahren übergab Präsident Medwedjew den Schrein mit einer Reliquie vom Gewand des Herrn, den im siebzehnten Jahrhundert der persische Schah Abbas dem Zaren Michail Fjodorowitsch Romanow für die Uspenski-Kathedrale geschenkt hatte, an Patriarch Alexi II. für die als Kopie neu aufgebaute Christi-Erlöser-Kathedrale. Es folgten, formell als Dauerleihgabe, neun weitere kostbare Reliquien, die als Erbe der Herrscherdynastie im Altar der Verkündigungskathedrale als Hauskirche der Romanows aufbewahrt worden waren und nun den Disney-Tempel spirituell aufwerten sollen. Die Kirche bekomme nach und nach ihre Heiligtümer zurück, erklärte Medwedjew damals. Dabei waren diese Devotionalien jahrhundertelang herrscherliches Privateigentum, das, so Batalow, zum Gottesdienst von Sonderbeamten herausgegeben werden musste.

          Verschimmelnde Gottesmutter wird notrestauriert

          Bezeichnenderweise ist in dem Gesetzentwurf, der das Ende von Russland als Kulturnation bedeuten könnte, nirgends von Restitution die Rede. Das Kriterium, wonach Immobilien und Sakralkunst einer religiösen Organisation auf Anfrage überschrieben werden können - zuerst zur Benutzung, in einem zweiten Schritt dann als Eigentum -, ist ihre religiöse Zweckbestimmung. Der Begriff vom kulturellen Erbe taucht auch nicht auf. Es ist, als wollten zwei Geschäftspartner disponible Güter unter sich aufteilen. Da spielt es keine Rolle, dass die Kirchen selbst zu Ostern von nur ungefähr fünf Prozent der Bevölkerung besucht werden, Russlands Museen aber jedes Jahr von rund einem Drittel. Die Patriarchatskirche, die Respekt vor der Obrigkeit lehrt, das Militär segnet, mit dem Jenseits tröstet und droht, wird als Menschenmanager immer wichtiger. Für diese wachsenden Aufgaben soll sie mit Grundbesitz und Hoheitsrechten über die geistigen Werte ausgerüstet werden.

          Die Tretjakow-Galerie in Moskau: Hier hängen die berühmtesten Ikonen Russlands
          Die Tretjakow-Galerie in Moskau: Hier hängen die berühmtesten Ikonen Russlands : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Patriarch Kyrill bezeichnet dagegen den Konflikt zwischen Museumsleuten und Klerikern als „ausgedacht“. Sein eloquenter Chef der Abteilung für die Beziehungen von Kirche und Gesellschaft, Oberpriester Wsewolod Tschaplin, verkündet, heute verfüge die Kirche über genügend Sachkompetenz, um empfindliche Kunstwerke richtig zu pflegen. Im Übrigen ruft Vater Wsewolod die Museumsleute dazu auf, die heiligen Bilder gemeinsam mit den Gläubigen zu betreuen.

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