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Privates GULag-Museum : Goldrausch auf Stalins Blocksberg

  • -Aktualisiert am

Dreihundert Objekte umfasst die Sammlung. Die meisten davon schmücken die Wände der Wohnung. Bild: Alexandra Vetter

Wo in Ostsibirien einst Zwangsarbeiter litten, steht heute Russlands einziges privates GULag-Museum: An die zweitausend Fotos schmücken die Wände der Zweizimmerwohnung. Eine tapfere Initiative - wohl nur für kurze Zeit.

          Im Landkreis Magadan an Russlands nordpazifischem Rand kommt selbst die Endlosigkeit dieses Landozeans an ein Ende. Auf der ramponierten, staubigen Fernstraße M56, die vom ostsibirischen Jakutsk über gut zweitausend Kilometer Ödnis und Permafrostboden bis zum Ochotskischen Meer führt, werden Autoinsassen kräftig durchgerüttelt. Aber nicht deswegen nennt man diese Piste „Straße der Knochen“, sondern weil ihr Bau in den dreißiger Jahren eine Unzahl Zwangsarbeiter das Leben gekostet hat.

          Die Gegend ist GULag-Gebiet. Das trostlose Kaff mit dem schönen Namen Jagodnoje (zu Deutsch „Beerendorf“) wurde 1934 gegründet, um unter Einsatz zu Tausenden in den umliegenden Arbeitslagern einsitzenden Häftlinge Gold zu schürfen. Zwischen 1949 und 1957 residierte in Jagodnoje sogar die Verwaltung des SewLag, die zum Dalstroi-GULag-Netz gehörte. Allein dem SewLag standen bis zu 15.500 Zwangsarbeitskräfte zur Verfügung.

          Das ist lange her. In Jagodnoje sind von einst 12.000 Einwohnern weniger als viertausend übrig, mit weiter sinkender Tendenz. Dafür steht hier, als mittlerweile internationale Attraktion, das einzige private GULag-Museum, denn die Narben der Vergangenheit sind heute Jagodnojes größter Schatz. Sein Gründer und Besitzer, Iwan Panikarow, richtete schon vor zwanzig Jahren mit einigen Mitstreitern, im Ort eine öffentliche Gedenkstätte ein. Doch die wurde von den lokalen Machthabern torpediert. Deswegen hat er jetzt, gemeinsam mit seiner Frau Galina, seine private Zweizimmerwohnung zum Ausstellungslokal umfunktioniert.

          Zu Fuß durch Schlamm und Sümpfe

          Panikarow, der sich dem Rentenalter nähert, ist ein Faktotum. Als langjähriger Journalist verdingte er sich schon als Schlosser, Heizungsmonteur und Jurist. Er und Galina trugen eine dreihundert Objekte zählende Sammlung zusammen: an die zweitausend Fotos von Sträflingen, ihre einfachen Arbeitsgeräte, Strafakten, Lagerzeitungen, Häftlingszeichnungen. Diese Dinge schmücken die Räume, im Schlafzimmer lagern Bananenkartons voller Dokumente. „Ich vertraue niemandem mehr aus der Verwaltung, alles bleibt unter meiner Obhut“, sagt Panikarow. Allerdings verschenkt oder verleiht er manchmal Stücke an internationale Ausstellungen und beantwortet mittlerweile Anfragen aus aller Welt.

          Heute empfängt er hohen Besuch. Antonina Aksenova ist nach Jagodnoje gekommen, die Adoptivtochter der Schriftstellerin Jewgenija Ginsburg, die nach ihrer Verhaftung 1937 siebzehn Jahre in Gefängnissen, Lagern und Verbannungsorten zubrachte, unter anderem hier im SewLag. „Tonja“, wie Panikarow sie zärtlich nennt, kam 1947 in einem Lager zur Welt und wurde von ihrer Mutter in einem Kinderheim in der Provinzhauptstadt Magadan abgegeben. Antonina hat sie nie gekannt, sie weiß auch das eigene Geburtsdatum nicht. Jewgenija Ginsburg sah die Zweijährige im dortigen Kindergarten und schaffte es, sie gegen alle GULag-Vorschriften zu adoptieren. So gründete Ginsburg mit ihrem zweiten Mann, dem ebenfalls im GULag inhaftierten deutschen Arzt Anton Walter, in Magadan eine Familie, zu der dann auch ihr Sohn aus erster Ehe, Wassili Aksjonow, hinzukam, der spätere Schriftsteller.

          Archiv in Kisten: Was nicht mehr an die Wände passt, lagert in Bananenkartons.

          Aksenova, die im weißrussischen Minsk eine Schauspielkarriere machte, inzwischen aber in Frankfurt lebt, hat Panikarow aufgesucht, weil sie über ihre Adoptivmutter Ginsburg und deren Familie mehr wissen will. Wir fahren in den bei Jagodnoje gelegenen Ort Belitschje, wo Ginsburg als Krankenschwester in einer Klinik arbeitete, in der sie dem Schriftsteller Warlam Schalamow begegnete, der ebenfalls hier einsaß. Den letzten Kilometer nach Belitschje müssen wir zu Fuß durch Schlamm und Sümpfe waten. Die Natur holt sich jedes Jahr mehr von dem Gelände zurück. Von der ehemaligen Klinik in Belitschje ist wenig übrig, das Gelände überwuchert. Doch Panikarow wird im Dickicht fündig. Er holt eine Schaufel aus der GULag-Zeit hervor, einen Wasserkochtopf, diverse Küchengeräte. Antonina Aksenova ist sichtlich bewegt.

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