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Russlands Drogenpolitik : Im Rausch der Mittel

  • -Aktualisiert am

Die Spezialeinheit OMON führt mitten in der Nacht Drogenrazzien durch. Bild: Stanley Greene/NOOR/laif

Krebskranke erhalten kaum ihre Schmerzmedikamente, Tierärzte werden angeklagt: Die Drogenpolitik Russlands hält die Bevölkerung in Schach und stärkt die Macht des Staats. Die Zahl der Suchtkranken steigt trotzdem.

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          Was verbindet Wladimir Majakowski, Robin Williams, Hermann Göring und den Piloten der Germanwings-Maschine? Es ist in Russland verboten, über ihre Todesumstände zu schreiben. Nicht, dass man es nicht tut, aber wie so vieles, was man in Russland tut, ist es illegal.

          Im Frühjahr 2015 verbat die russische Medienaufsichtsbehörde den russischen Medien, die Ursachen und Methoden von Suiziden zu schildern. Dies, so die Behörde, sei Propaganda für Freitod. Man dürfe kein attraktives Bild des Selbsttötens malen und beim Publikum den Eindruck erwecken, es sei eine Lösung. Doch genau darum geht es, denn eine Lösung kann Suizid sein: Allein im März dieses Jahres nahmen sich nur in Moskau elf Krebskranke das Leben, weil sie die Schmerzen nicht mehr ertragen konnten. Anfang Mai berichteten die Medien über den Freitod eines krebskranken Psychologieprofessors. Im Februar letzten Jahres schoss sich ein pensionierter Admiral in den Kopf, weil er Krebs im fortgeschrittenen Stadium hatte und keine Schmerzmittel mehr bekam. Der Mann, ein wohlhabender Angehöriger der Machtelite, gab in seinem Abschiedsbrief die Schuld an seinem Tod der Regierung – und löste damit eine Welle der Berichterstattung über Leiden der Schmerzpatienten aus.

          „Wollen Sie mich in den Knast bringen?“

          Im Dezember 2000 lag meine Mutter in ihrer Moskauer Wohnung im Sterben. Kein Krankenhaus wollte sie haben, kein Mediziner kam vorbei, um ihr Schmerzmittel zu verabreichen. Bauchspeicheldrüsenkrebs ist nicht nur einer der tödlichsten, sondern auch einer der qualvollsten. Nach ungefähr acht Wochen der Agonie blieb an meiner Mutter nichts Menschliches mehr, sie hatte schon fast keinen Körper und gar keinen Verstand, sie konnte nicht mehr sprechen, nur winseln und heulen.

          Ziel der Spezialeinheit OMON ist es, Drogendelikte aufzudecken.
          Ziel der Spezialeinheit OMON ist es, Drogendelikte aufzudecken. : Bild: Stanley Greene/NOOR/laif

          Jede Woche musste ich bei der Bezirkspoliklinik ein Rezept für Schmerzmittel holen. Auf dem Zettel mit Amtsnummer und Wasserzeichen sollten die Unterschriften vom behandelnden Onkologen, vom Chefarzt und von der Oberschwester stehen, und alle drei waren nur selten zur gleichen Zeit da. Manchmal fehlten die Vordrucke. Außerdem musste ich die verbrauchten Ampullen abliefern, und zwar alle, sonst gab es kein neues Rezept. Ein Vorrat, auch nur für einen Tag, war somit ausgeschlossen. Das Rezept galt nur für eine bestimmte Apotheke, vierzig Busminuten von der Klinik entfernt, und wenn sie dieses Medikament nicht hatte, musste ich ein neues Rezept besorgen. Es war jedes Mal wie ein Lottospiel, die Apotheke durfte keine telefonischen Auskünfte über Drogen erteilen. Als mir die Chefärztin irgendwann sagte, ich solle aufpassen, dass meine Mutter nicht drogensüchtig werde, hätte ich sie beinah verprügelt. Zu Hause habe ich mir ernsthaft überlegt, ob ich meine Mutter mit einem Kopfkissen von ihrem Leiden erlöse, aber mir fehlte der Mut. Am nächsten Tag war meine Mutter tot.

          Vier Jahre später musste mein Vater ähnlich leiden, bis mein Stiefbruder ihn in einem ziemlich heruntergekommenen Krankenhaus unterbringen konnte, wo er allerdings Schmerzmittel bekam. Zuvor lag er in einem sehr teuren und modern ausgestatteten Spital der Präsidialverwaltung, doch da gab es für ihn kein Morphium. Damals, Anfang des vergangenen Jahrzehnts, konnte man sich noch einbilden, dass es mit der Zeit besser werden würde. Es kam ganz anders. Als mein Freund und Kollege Boris Schumatsky vor etwa anderthalb Jahren unter fast identischen Umständen seinen Vater verloren hatte, schilderte er seine Erfahrungen (nachzulesen unter dem Titel „Tod in Moskau“ in der F.A.Z. vom 14. August 2014) so: „Beschleunigen konnte man nichts, alle sagten nur: ,Wollen Sie mich in den Knast bringen?‘“

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