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Russlanddeutsche : Das Märchen aus Marzahn

  • -Aktualisiert am

Es gab in der Sowjetunion durchaus eine Nationalbewegung der Deutschen, sie kämpfte aber für die Wiederherstellung der nationalen Autonomie an der Wolga, die Stalin 1941 aufgelöst hatte. Die Idee einer Übersiedlung nach Deutschland kam von der Bundesrepublik. Die Forderung, die eine oder andere Volksgruppe in die freie Welt ausreisen zu lassen, war eine typische Maßnahme im Kalten Krieg. Genauso pochten die Amerikaner auf die Ausreise der Juden. Man konnte damit die Regierungen der Ostblockstaaten unter Druck setzen, ohne einen Ansturm von Immigranten zu riskieren.

Von ausreisewilligen deutschstämmigen Russen wurde das „Bekenntnis zum Deutschtum“ verlangt, viele haben das bis heute verinnerlicht.

Durch die Einladung Sowjetdeutscher erklärte Deutschland sich praktisch zu ihrer Schutzmacht. Von den Ausreisewilligen wurde das „Bekenntnis zum Deutschtum“ verlangt, ein Begriff, mit dem die meisten Menschen in der Bundesrepublik wenig anfangen können. In der Praxis bestand das Bekenntnis in der Selbstbezeichnung und im Nachweis von Deutschkenntnissen, wie rudimentär sie auch waren. So ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Russlanddeutsche hier in der Bundesrepublik mit der Parole „Deutschland für Deutsche“ identifizieren und gleichzeitig die Existenz einer fremden Schutzmacht als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen. Die Sprache – diesmal Russisch – erscheint als völlig ausreichender Grund dafür.

Hartes Vorgehen gegen russische Hetzmedien

Die jüngsten Kundgebungen wurden vom sogenannten „Konvent der Sowjetdeutschen“ organisiert, einer rechtsextremen Gruppe, die eng mit den russischen Behörden zusammenarbeitet und diese Zusammenarbeit auf ihrer Website Genosse.su zelebriert. Doch der Bundesvorsitzende der überaus soliden Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Waldemar Eisenbraun, vermied es im Gespräch mit dem ZDF, sich von dieser Gruppe oder von den russischen Propagandalügen zu distanzieren. Er zog es vor, im Duktus der „besorgten Bürger“ davon zu sprechen, dass „die Menschen Ängste haben, Sorgen um ihre Zukunft, um die Zukunft von Deutschland“, und verlangte, dass bei der Aufklärung „dieser Tragödie“ mehr offene Kommunikation nach außen geschehe. Er wiederholte fast wörtlich den russischen Außenminister, der „mehr Transparenz“ fordert.

Doch eigentlich gab es ja schon mehr als genug offene Kommunikation nach außen. Mittlerweile wissen wir über das Opfer dieser ganzen Kampagne, die 13-jährige Lisa, dass ihre Eltern und Verwandte Pegida- und NPD-Anhänger sind. Dank russischer Medien wissen wir auch, wie sie mit vollem Namen heißt, wie sie aussieht, wo sie wohnt und welche Buslinien sie zu welcher Uhrzeit benutzt. Wir wissen aus amtlichen Mitteilungen, dass sie einvernehmlichen Sexualkontakt mit zwei türkischstämmigen Erwachsenen hatte, gegen die nun wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs ermittelt wird; dass sie zwei Tage die Schule schwänzte und bei einem 19-Jährigen Freund übernachtete, der aber einer Sexualstraftat nicht verdächtigt wird, und dass sie danach den Eltern und der Polizei Unwahrheiten erzählte.

Das ist die schreckliche Wahrheit, die die deutschen Behörden angeblich vertuschen. Statt mehr Transparenz sollte man vielleicht lieber ein hartes Vorgehen gegen russische Hetzmedien fordern. Damit wäre dem Schutz der deutschen Gesellschaft und der russischsprachigen Mädchen wesentlich mehr gedient.

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