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Russlanddeutsche : Das Märchen aus Marzahn

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Wölkchen über Marzahn: Die fremdenfeindliche Einstellung ist mehr als eine Manipulation des Kremls, sie reflektiert die Stimmung in der russischstämmigen Community.
Wölkchen über Marzahn: Die fremdenfeindliche Einstellung ist mehr als eine Manipulation des Kremls, sie reflektiert die Stimmung in der russischstämmigen Community. : Bild: dpa

Dabei reicht ein Blick in die russischsprachigen Medien aus Deutschland, um festzustellen, dass es so nicht stimmt. Die Wochenzeitung „Russkaja Germanija“, die in drei regionalen Varianten unter drei verschiedenen Namen in ganz Deutschland erhältlich ist, gehört eindeutig zum Mainstream. Sie erscheint seit 1996 und hat nach Angaben der Redaktion eine Auflage von 70.000 Exemplaren. Die erste Seite der aktuellen Ausgabe ist erwartungsgemäß der „Armen Lisa“ gewidmet. Im Leitartikel werden aber nicht etwa die Lügen der russischen Staatsmedien enthüllt, sie werden mit dem Zusatz „angeblich“ in großer Ausführlichkeit nacherzählt. Dabei wird gleich im ersten Satz die Kölner Silvesternacht erwähnt, und zwar so: Mehrere hundert Frauen seien dort von Flüchtlingen sexuell belästigt worden. Eine gewisse Distanzierung mit Zitaten der behördlichen Stellungnahmen erfolgt erst auf Seite fünf. Es gibt auch richtig kuriose Beiträge. Eine ganze Seite wird einer Erfolgsgeschichte gewidmet, wie die Redaktion das offenbar sieht. Ein 24-jähriger Mann, der jetzt bei der Telekom als Manager arbeitet, erzählt beeindruckend offen und in vielen Details, wie seine Mutter die Anerkennung als politischer Flüchtling erschlichen hat, und spekuliert, dass etliche der heutigen Flüchtlinge es ebenso versuchen.

Fremdenhass gehört zum Alltag

Die fremdenfeindliche Einstellung und unverhüllte Hetze gegen Flüchtlinge sind mehr als eine Manipulation des Kremls, sie reflektieren die Stimmung in der Community. So ist das Informationsportal Berlin24.ru eigentlich eine nützliche Quelle, wenn man einen russischsprachigen Arzt, Anwalt oder Babysitter sucht. Dort gibt es auch Nachrichten, vor allem aktuelle Meldungen der deutschen Presse. Die Quellen sind seriös, der Ton ist sachlich. Die Auswahl macht den Unterschied: die Verfassungsklage gegen Angela Merkel, eine bevorstehende Pegida-Großdemo, ein verdächtiger Araber, der in Köln bombentaugliche Chemikalien kaufte. Zum Fall Lisa gibt es nur eine Meldung: ein Interview des Pressesprechers der russischen Botschaft, in dem er die Stellungnahmen der Polizei direkt anzweifelt.

Man muss aber nicht unbedingt Russisch können, um zu begreifen, dass etwas mit den russischsprachigen Mitbürgern nicht stimmt. Es reicht, wenn man zum Beispiel in einen „russischen“ Supermarkt geht, etwa in den „Stolichny“ in der Berliner Landsberger Allee. Dort findet man neben Sauerkraut und kitschigen Krimis auch T-Shirts mit Stalins und Putins Konterfei oder verschwörungstheoretische Schriften. In Russland gehört so etwas zum normalen Angebot, so wie auch der Fremdenhass zum Alltag gehört. Wenn es dort zwischen der Macht und der Opposition Berührungspunkte gibt, dann vor allem in der Haltung zu Migranten und Flüchtlingen. Da sich die Macht aber keine direkte Hetze gegen Muslime leisten kann, tut es umso enthusiastischer die Opposition. Das ist der kulturelle Hintergrund, den sehr viele Einwanderer aus Russland und anderen postsowjetischen Staaten nach Deutschland mitbringen.

Minderheit im Land der Völkerfreundschaft

Die ohnehin schlimme Gesinnungslage der russischsprachigen Community wird bei den deutschstämmigen Aussiedlern durch die Umstände ihrer Aus- oder Einwanderung zusätzlich erschwert. Die meisten deutschstämmigen Bürger der UdSSR waren Nachkommen der Deutschen, die im 18. Jahrhundert oder noch früher ins russische Reich übersiedelten. 1941 wurden sie nach Sibirien oder Zentralasien deportiert, wie auch andere Völker der Sowjetunion, denen die Führung Illoyalität und Kollaboration unterstellte. Sie blieben auch später eine diskriminierte Minderheit – so ging es aber jeder Minderheit im Land der Völkerfreundschaft.

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