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Russischer Angriffskrieg : Raketen auf ukrainische Kulturgüter

Die Rakete schlug zwanzig Meter daneben ein: Aufräumen im Chanenko-Museum, Kiew Bild: Yurii Stefanyak

Der russische Beschuss von Museen, Bibliotheken und kulturellen Institutionen in der Ukraine ist kein Kollateralschaden, sondern hat System: Die Identität eines Volkes soll vernichtet werden.

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          Am 10. Oktober schlugen russische Raketen dicht neben dem Chanenko-Kunstmuseum in Kiew ein, beschädigten das historische Gebäude, ließen Wände bröckeln und Fenster zerbersten. Am selben Tag wurden in der ukrainischen Hauptstadt auch die Philharmonie, die Universitätsbibliothek und das Schewtschenko-Museum attackiert. Der Angriff auf Kulturgüter und nationale Monumente ist kein Kollateralschaden dieses Krieges, sondern Teil einer größeren Strategie, die auf die Vernichtung der ukrainischen Identität zielt. Ende Oktober waren schon mehr als 450 Institutionen getroffen worden.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Aber wen oder was sollen die Menschen im Katastrophenfall zuerst retten: die Alten? Die Kinder? Sich selbst? Und wann kämen historische Möbel, Bücher und Kunst­werke an die Reihe? Was tun, wenn ein Denkmal unter Beschuss steht? „Ich wünsche Ihnen nicht, dass Ihnen diese Frage jemals gestellt wird“, sagte die ukrainische Kuratorin Olena Balun, Leiterin des seit sieben Monaten bestehenden Netzwerks Kulturgutschutz Ukraine, auf dem Podium der Akademie der Künste in Berlin. „Denn es ist eine sehr schwierige Frage, und es gibt darauf keine gute Antwort.“

          Transport ins Ungewisse

          Das Chanenko-Museum, benannt nach den Sammlerehepaar Bohdan und Warwara Chanenko, beherbergt byzantinische und europäische Kunst, die im neunzehnten Jahrhundert zusammengetragen wurde, mit Werken von Tiepolo, Bellini, Velázquez, Donatello und Frans Hals. Die Direktorin Julija Waganowa erzählte eindringlich von der Geschichte des Museums, zeigte Vorher-nachher-Fotos und ein Video. Dort sah man, wie mit unendlicher Fürsorge und Langsamkeit eine kleine Skulptur in Papier gewickelt wurde, um sie in Sicherheit zu bringen. Auch das Papier darf nicht irgendeines sein.

          Als die ersten Bomben auf Kiew fielen, fehlte es allerdings an allem. Der von Barbara Welzel (TU Dortmund) kundig moderierte Abend in der Akademie der Künste führte dem Publikum vor, dass das normalerweise vorhandene Kulturexpertentum sich in Kriegszeiten erst einmal sammeln muss. Dann braucht es unbürokratisches Vorgehen, gute Ideen, viel Geld und eine Menge Mut. Dringend benötigte Dinge zur Rettung der ukrainischen Kulturgüter sind Verpackungsmaterial und Feuerlöscher, seit dem 10. Oktober wegen der Stromausfälle auch Generatoren. Manchmal werden noch zweitausend Flaschen Mineralwasser beigepackt. Wie diese Güter in die Ukraine gelangen, ist oft abenteuerlich. Es gebe schnelle Absprachen, viel Improvisation und eine lange Kette engagierter Menschen, sagte Olena Balun der F.A.Z., in Deutschland, Polen und der Ukraine. „Aber die allerletzte Fahrt, dorthin, wo es gefährlich wird, übernehmen ukrainische Fahrer“.

          Kulturverbrechen als Strategie

          Bei Olaf Hamann, dem Leiter der Osteuropa-Abteilung der Berliner Staatsbibliothek, laufen einige Stränge solcher Operationen zusammen. Auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Deutsche Bundesarchiv, die NGO Saving Ukranian Cultural Heritage Online und private Sponsoren sind beteiligt. Hamann erinnert daran, dass die Bibliothek von Luhansk, im Osten des Landes, diese Form des russischen Kulturimperialismus schon 2014 zu beklagen hatte. Man müsse vieles zugleich tun: Bestände schützen, Archive retten, so viel wie möglich dokumentieren – und unbedingt sichere PCs für Bibliotheken beschaffen, um russische Cyberangriffe abzuwehren.

          „Kulturverbrechen“, das zeigt dieser Krieg, sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie müssen geächtet und geahndet werden wie Genozid. Zur Kultur gehört auch die ukrainische Sprache, deren Gebrauch von Russland im Lauf der Geschichte unzählige Male verboten wurde. Allen Beteiligten ist klar, dass sie Beweise brauchen, um die Zerstörungen so genau wie möglich festzuhalten.

          Im Chanenko-Museum, dem Julija Waganowa vorsteht, hängen heute keine Bilder mehr. Die mit Seide bespannten Wände sind leer, einige Gebäudeteile geschwärzt. Doch das Museum habe weiterhin geöffnet, erzählt die Direktorin. Dass es ein sicherer Ort wäre, kann sie nicht behaupten. Aber die Menschen treffen sich dort, sie laufen durch die Säle und bleiben in Verbindung mit der Kultur, die in Kisten und geheimen Depots überwintern wird. Zeitgenössische Künstler nutzen das Museum für Ausstellungen. Auch Konzerte finden dort statt. Später, irgendwann, wird auch die Geschichte dieses Überlebens zum kulturellen Gedächtnis der Ukraine gehören.

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