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Russland und die Homosexualität : Im Duschraum mit nackten Riesenfrauen

  • -Aktualisiert am

Welt in Rosa: Die westliche Strategie der aggressiven Anwesenheit und der Verrechtlichung zwischenmenschlicher Beziehungen ist aber kein Allheilmittel Bild: dpa

Wer etwas für die Rechte von Homosexuellen tun will, sollte in Russland klein anfangen. Westliche Schrillheit hilft hier nicht weiter. Ein Plädoyer für Wandel durch Annäherung.

          Ich war ein wenig irritiert, als die Schauspielerin Tilda Swinton neulich mit Regenbogenflagge auf dem Roten Platz in Moskau auftrat. Ich für meinen Teil käme nicht auf die Idee, wegen eines Anti-Homosexuellen-Gesetzes auf die Barrikaden zu gehen. Auf den Barrikaden verliert man Kraft. Dabei zweifelte ich nicht, dass Tilda Swinton es gut meinte; aber ich war mir nicht sicher, was sie erreichen könnte. Mit dem Olympia-boykott-Aufruf von Stephen Fry kam ich auch nicht zurecht.

          Wie sollte das einem Land nützen, wo Homosexuelle dringend positive, vor allem ruhige Bilder von Homosexualität brauchen? Die entstehen nur durch Hunderte misslungener Versuchen und viel, viel Zeit – nicht dadurch, dass man als Westler seine Anwesenheit aggressiv in Szene setzt. Ebenso unverständlich blieb mir folgende Offensive: Einer unserer entfernten Bekannten in London setzte auf seine Website ein Bild mit einem Regenbogentuch und dem russischen Text „Ihr könnt es in unseren Herzen“. Ich dachte mir: Was ist das, wovon er meint, die Russen könnten es nicht?

          „Ihr könnt es in unseren Herzen“

          Ich erinnerte mich an meinen Sommer in Artek, jenem hochpolitischen, zentralen Pionierlager auf der Halbinsel Krim, als ich dreizehn war, wo wir zu mehr oder weniger guten Staatsbürgern der UdSSR erzogen wurden. Kaum waren wir jungfräuliche Nordwesen dem Flugzeug entstiegen, begrüßten uns im Duschraum nackte Riesenfrauen. Es folgte ein Sommer der fiebrigen Intimität zwischen allen Geschlechtern und allen Altersklassen, in dem alle Betten in allen Nächten von allen Völkern der Sowjetunion besetzt waren. Und jetzt: „Ihr könnt es in unseren Herzen“?

          Ich kann, Hand aufs Herz, sagen: Die Arteker Gäste konnten es wesentlich mehr als nur im Herzen, und niemand kam auf die Idee, irgendwo irgendeine Erlaubnis einzuholen, weder beim Miliz-Amt in Jalta, im Kreml oder in London.

          Ich wuchs im sowjetischen Estland auf, ohne zu wissen, dass man aufgrund des homosexuellenfeindlichen Gesetzes eingesperrt werden konnte. Die schwulen Männer und lesbischen Frauen, die es in Tallinn gab, lebten zwischen den anderen. Als ich später in Publikationen las, jenes Gesetz sei für mein Land und Leute wie mich traumatisch gewesen, habe sie beengt, beleidigt und niedergemacht, da konnte ich mich in diesen Texten nicht wiederfinden.

          Vom Aids-Kampf geformt

          Mittlerweile verstehe ich das neue russische Gesetz zum Teil. Als ich im Jahr 2010 in Moskau weilte, war selbst ich verblüfft über die unverschämte Medienrivalität in Russland und die Methoden, womit die Sender um die Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer buhlten. Es gab, zumindest damals, zwei sichere Techniken, um ein Programm cool und prickelnd zu machen: entweder mit stark geölten militärischen Phallussymbolen oder mit schlüpfrigen Homo-Sexszenen zwischen Teenagern, vorzugsweise Mädchen.

          Das ging frühmorgens los, sieben Tage die Woche, bis ich es nach zwei Wochen widerwärtig fand und das Fernsehen auf ein Minimum reduzierte. Aber in diesem Land des tschechowschen Schweigens gibt es tausend und abertausend Menschen mit unterschiedlichsten Formen der erwachsenen Sexualität, für die es unter heutigen Umständen fast unmöglich ist, eine freie, erfüllende Identität zu finden. Was die Rechte der Homosexuellen in Russland betrifft, so könnte man wirksam helfen.

          Das braucht jedoch Zeit, Geduld und ein ganz anderes Vorgehen als das, womit sich die Homosexuellen im Westen emanzipierten. Denn es besteht ein bedeutender Unterschied: Die westliche Identität homosexueller Männer und Frauen, so, wie sie sich heute darstellt, wurde durch den Aids-Kampf geformt, durch Männer und Frauen, die relativ unabhängig von der Mehrheitsgesellschaft waren, vor allem ökonomisch.

          Als Erstes sollte man lernen, über Sexualität zu reden

          Der Rechtskampf und die Symbolik des Widerstands stammen hundertprozentig aus jenen opferreichen Zeiten. Der größte Anteil der Homosexuellen in den post-sowjetischen Ländern könnte sich dergleichen aus einem einfachen Grund nicht im Traum leisten: Der Lebensstandard der Masse ist so niedrig, dass die Leute, ganz generell, extrem abhängig voneinander sind, insbesondere von ihrer Familie.

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